Delegationen Liquid Democracy im Vergleich zur repräsentativen Demokratie

Der Begriff Delegation ist in unserer Demokratie bisher eng mit der Wahl von Vertretern verbunden, weniger mit dem auch oft von uns alltäglich benutzten Begriff „etwas zu delegieren“. Sei es eine Aufgabe, sei es eine Erledigung – Bei dieser Art der Delegation im alltäglichen Leben erwarten wir eine Rückmeldung (Feedback), in wie weit die Aufgabe erfüllt ist, die Erledigung erfolgt ist usw.

In dieser Hinsicht gehen wir nicht von einer Wahl aus, wir wollen das andere für uns oder in unserem Namen etwas erledigen. Um die Qualität der Delegationen in Liquid Democracy zu verstehen, muss man diese unterschiedlichen Begriffe für sich definieren.

Liquid Democracy nutzt Elemente der repräsentativen Demokratie, eine Form von Delegationen zur Vernetzung, zum Austausch, ohne das starre Strukturen gebildet werden. Die Strukturen der Vernetzung in Liquid Democracy sind veränderlich in der Wirkung und in der Zeit. Vor allem erlaubt die Vergabe von Delegationen in Liquid Democracy auch weiterhin, dass man selbst direkt aktiv beteiligt, die eigene direkte Aktivität wird vorrangig behandelt.

Der Delegierte in der repräsentativen Demokratie

Ein Delegierter repräsentiert bzw. vertritt eine Gruppe in einer nächsthöheren Entscheidungsebene bei den dort zu treffenden Entscheidungen. Bei der Erfüllung dieser Aufgabe wird vom Delegierten erwartet, dass er die Ansichten der Gruppe vertritt. Diese Art von Delegierten werden durch eine Wahl bestimmt, je nach Organisationsform offen oder geheim, oftmals in geheimer Wahl. Die Wahl von Delegierten bei kommunalen Wahlen, Landtags-, Bundestagswahlen sowie Wahlen zum Europaparlament vorgenommene Stimmvergabe ist eine Entscheidung für einen festgelegten Zeitraum. Die sich zur Wahl stellenden Personen werden aufgrund eines Wahlkampfs, des Wahlprogramms ihrer Organisation/Gruppe oder auch wegen der Person gewählt,  direkt oder indirekt über Listenwahl. Es werden direkte Forderungen an den / die Delegierten herangetragen, von deren Erfüllung die Wiederwahl abhängt. Die Erwartung besteht des weiteren, dass der / die Delegierte(n)  über Handlungen und die Sachverhalte auf den Entscheidungsebenen informiert. Die weitere, nicht zu verachtende Erwartungshaltung ist, dass das Wahlprogramm, was die betreffende Gruppe aufgestellt hat, bei erfolgter Wahl entsprechend den Möglichkeiten von den Delegierten umgesetzt wird. Also in kurz, Erwartungen erfüllen:

* Interessenvertretung

* Information

* Umsetzung des Programms

Wenn die Erwartungen vom Delegierten nicht erfüllt werden, können die, die ihn aufgestellt und gewählt haben, zwar mit ihm im direkten Kontakt treten, aber es gibt keine Möglichkeit vor Ablauf des Delegationszeitraumes die Stimme an den Delegierten zurückzuziehen. Eine Rechtfertigung für die getroffenen Entscheidungen erfolgt erst nach Ablauf des Zeitraumes für den die Person als Delegierter gewählt worden ist. Delegationen in der repräsentativen Demokratie bestehen in festen Zeiträumen, diese können sich auf Tage (Konferenzen, Versammlungen, Parteitage) beschränken, aber auch für Jahre gelten (Parlament).

In der Theorie sichert dem gewählten Vertreter die Wahl als Delegierter eine Unabhängigkeit zu, Entscheidungen nach seinem Empfinden so zu treffen, ob diese nun im Sinne der Gruppe, der Allgemeinheit und seinen persönlichem Empfingen entsprechen. In der Praxis wird gerade dieses System durch den sogeannnten Fraktions- und Gruppenzwang unterlaufen.

Die Aufgabenstellung bei der repräsentativen Demokratie ist komplex, so dass die Wahl des Delegierten einem Auftrag zur Umsetzung der Aufgabenstellung nachkommt. Man wählt Vertreter in Gremien, Ämtern und Parlamenten, erwartet von ihnen die Aufgabenerfüllung. Die Beteiligung an dieser Art der Wahl ist davon abhängig, ob man eine gewisse Anzahl von Unterstützen auf sich vereinen kann. Gerade Stimmen, die für Gruppen mit geringer Erfolgschance abgegeben werden, gelten als verloren. Daher sind Wahlen von strategischem Denken geprägt, demjenigen seine Stimme zu geben, der eigene Ziele stellvertretend umsetzen kann bzw. vom Idealismus, die Stimme auch Gruppen mit geringer Erfolgschance zu geben, quasi als Anerkennung für ihren Einsatz, selbst wenn man sich halbwegs sicher ist, dass diese nicht in die nächste Entscheidungsebene kommen. Nicht zu vergessen, die, die keine Wahl in der vorhandenen Auswahl sehen, von ihrem Stimmrecht keinen Gebrauch machen, auch diese Entscheidung ist ebenso zu akzeptieren, wie eine abgegebene Stimme.

Dieses System der repräsentativen Demokratie bietet nicht die Möglichkeiten, mehr Mitbestimmung und direkten Einfluss für alle Stimmberechtigten an Entscheidungen der „Delegierten“ zu ermöglichen, die Möglichkeit der Teilnahme am Entscheidungsprozess beschränkt sich darauf, selbst Delegierter zu werden.

Delegationsempfänger bei Liquid Democracy

Mit Liquid Democracy wird das Ziel verfolgt, dass alle, die sich ein einer gemeinsamen Organisation, Verband und/oder einer Gliederung befinden, gleichberechtigt Entscheidungen treffen können. Kennzeichen der Gleichberechtigung ist dass jeder Teilnehmer das gleiche Stimmgewicht hat und über dessen Verfügung allein entscheidet. Das System Liquid Democracy ist sowohl innerhalb von Organisationen einsetzbar, als auch um eine höhere Beteiligung der Bevölkerung an Entscheidungen von Kommunen und Parlamenten zu gewährleisten. Daher sollte man sich über die Unterschiede zur repräsentativen Demokratie nicht nur informieren, sondern sie auch bei allen Vorbehalten, die gegen Delegationen bestehen, beachten.

Die Gegensätze zur repräsentativen Demokratie sind zahlreich:

  1. Es findet keine Wahl statt, sondern es erfolgt eine Übertragung des eigenen Stimmgewichts.
  2. Die Delegationen sind auf den gleichen Ebene wirksam, auf der die Stimmberechtigten sich direkt an Entscheidungsprozessen beteiligen kann.
  3. Das Stimmgewicht ändert sich nicht durch den Akt der Delegation, sondern jede Delegation addiert sich zu der eigenen bzw. weiteren bereits vorhandenen hinzu.
  4. Delegationen werden direkt vom Stimmberechtigten erteilt, sie erfolgen nicht durch eine Gruppenentscheidung.
  5. Delegationen haben keine Aufgabenerfüllung als Hintergrund, sondern die Delegierenden möchten das ihr Stimmgewicht wie das des Delegationsempfängers verwendet wird.
  6. Es werden bei der Aufgabenerfüllung nicht die Interessen und die Ansichten der delegierenden Teilnehmer verfolgt, der Delegationsempfänger verfolgt weiterhin eigene Interessen.
  7. Der Zeitraum der Delegation ist unbestimmt, die Delegation kann kurzfristig ebenso erteilt wie auch kurzfristig zurückgezogen werden. Ebenso können die Delegationen langfristig erteilt werden, es ist in jedem Fall die Entscheidung des Delegierenden.
  8. Die Erteilung der Delegation hindert den Teilnehmer nicht daran, selbst am Entscheidungsprozess aktiv zu werden, mit seiner Aktivität wird die Delegation ausgesetzt.
  9. Aufgrund der jederzeit zu ändernden Delegation und der Möglichkeit, dass Delegierende sich selbst direkt aktiv jederzeit am Entscheidungsprozess beteiligen können, ist dem Delegationsempfänger am Anfang und im Verlauf der Abstimmung bis zur letzten Sekunde der Abstimmung nicht bekannt, welches Stimmgewicht er tatsächlich auf sich vereint.
  10. Um am Entscheidungsprozess teilzunehmen, ist keine Delegation auf einen Vertreter erforderlich, aber hilfreich, wenn man sich mit Themen intensiver beschäftigen möchte.

Zu 1 – keine Wahl – Übertragung Stimmrecht

Teilnehmer stellen sich nicht zur Wahl, sie kandidieren nicht im demokratischen Sinne. Es findet keine Wahl mit Wahlleitung, Wahlordnung und Auszählung statt. Die Delegierenden übertragen ihr Stimmrecht auf den Delegationsempfänger im Sinne einer Vollmacht, für einen unbestimmten Zeitraum mit ihrem Stimmgewicht zu agieren, ohne dass sie ihre eigene direkte Aktivität dadurch ausschließen.

Zu 2 – Alle Teilnehmer agieren auf der gleichen Ebene, ob mit oder ohne Delegation.

Während in der repräsentativen Demokratie Delegierte in eine übergeordnete Entscheidungsebene gewählt werden, zu denen Delegierende selbst keinen Zugang haben (wenn sie nicht selbst kandidieren) wirken sich Delegationen in Liquid Democracy auf den Ebenen aus, an der die Delegierenden ebenfalls direkten Zugang haben. Hierarisch aufgebaute Entscheidungsebenen, in denen sich in einer Ebene stets Delegierte der untergeordneten Ebene befinden, sind somit im Liquid Democracy System praktisch nicht vorhanden. Der Delegationsempfänger hat nicht mehr Rechte als jeder Teilnehmer selbst.

Die Ausnahme, in der man als Stimmberechtigter in der repräsentativen Demokratie sich an Entscheidungen der nächsthöheren Ebenen beteiligen kann, Volksinitiativen, Volksbegehren, Bürgerentscheide oder auch entsprechende Möglichkeiten von Mitgliedern direkt Entscheidungen herbei zu führen bzw. diese vorzubereiten sind an Hürden gebunden. Erst wenn diese Hürde = Quorum erfüllt wurde, kann man Forderungen direkt an die übergeordnete Entscheidungsebene stellen. Das entspricht nicht einer Gleichberechtigung innerhalb eines Systems, wenn für Gruppen Quoren gelten während andere (Delegierte) selbst Forderungen an die Entscheidungsebene richten können.

Zu 3 – Stimmgewicht bleibt bei der Delegation erhalten

In der repräsentativen Demokratie haben Delegierte lediglich ihr eigenes Stimmgewicht, dies unterscheidet sich nicht von der Anzahl der Mitglieder / Teilnehmer, die sie als Delegierte gewählt haben. Delegationen bei Liquid Democracy im Sinne der Stimmübertragung sichern zu, dass das Stimmgewicht der Delegierenden erhalten bleibt. Jede Delegation = ein Stimmgewicht. Das Stimmgewicht wird nicht begrenzt, um die gleichberechtigte Teilnahme jedes Stimmberechtigten am Entscheidungsprozess zu gewährleisten. Jede Verringerung des Stimmgewichts würde dazu führen, diese Gleichberechtigung zu untergraben.

Zu 4 – Delegation wirkt ab der ersten Stimmübertragung

Da sich die Delegation bei Liquid Democracy als Vollmachterteilung versteht, wirkt sich diese ab der ersten erteilten Stimmübertragung aus und wird vom Delegationsempfänger entsprechend genutzt. Jedes Stimmgewicht hat somit Auswirkungen im Entscheidungsprozess, wenn es direkt aktiv oder indirekt über Delegation aktiviert wird. In der repräsentativen Demokratie neigt man dazu, strategische Entscheidungen zu treffen, damit sich das eigene Stimmgewicht auf kommende Entscheidungsprozesse auswirkt, daher wird eben denjenigen Kandidaten oftmals die Stimme gegeben, die die Chance haben, eine Vielzahl von Stimmen auf sich zu vereinen, um die nächsthöhere Entscheidungsebene zu erreichen. Derartiges strategisches Verhalten ist in einem Liquid Democracy System nicht erforderlich, da jedes Stimmgewicht Auswirkungen am gesamten Prozess hat, insofern es direkt oder indirekt aktiviert ist. Das bedeutet nicht, dass Teilnehmer nicht trotzdem dazu neigen, sich an anderen Teilnehmern zu orientieren, die eine höhere Anzahl von Stimmen auf sich vereinigen, als man selbst. Das ist das Abbild des sozialen Lebens in unserer Gesellschaft, wir orientieren uns an denen, von denen wir der Ansicht sind, sie haben aufgrund der hohen Unterstützung mehr Fach- und Sozialkompentenz als andere Teilnehmer des Systems. Diese Art und Weise Entscheidungen zu treffen ist in unserem Verhalten verankert, die Ursache hierzu ist kein System und auch kein das System unterstützende Software. Auch dies ist eine Entscheidung des Stimmberechtigten, die eigene Erwartungshaltung vielleicht nicht erfüllt, aber die Entscheidung über sein Stimmgewicht fällt jeder selbst. Diese Entscheidung ist in jedem Fall zu respektieren, auch wenn man daher mit eigenen Positionen nicht durchkommt.

Zu 5 – Delegation bedeutet sich dem Urteil des Delegationsempfängers anzuschließen

Vergibt man in einem Liquid Democracy System eine Delegation, so schließt sich dies das Bekenntnis ein, sich so zu verhalten wie der Delegationsempfänger. Das begründet sich in den Sachverhalten, aus denen eine Delegation vergeben wird. Die Delegation wird nicht wegen der Erfüllung einer Erwartung an den Delegierenden vergeben, sondern weil man dessen fachlicher Kompetenz oder sozialen Kompetenz vertraut. In diesem Sinne ist eine Entscheidung des Delegationsempfängers konträr zu eigenen Ansichten nicht unbedingt ein Grund, ihm die Delegation wieder zu entziehen, gerade wenn man die Delegation aus dem Grund vergeben hat, dass der andere sich in der Sache besser auskennt als man selbst. Eine Delegation in einem Liquid Democracy System zu vergeben ist nicht mit einer Forderung an den Delegationsempfänger verbunden.

Wenn man mit einer Delegation Forderungen der Delegationsgeber an die Delegationsempfänger verbinden würde, unterliegen die Delegationsempfänger dem Entscheidungsdruck durch die Delegationsgeber, sich in ihrem Sinne zu entscheiden. Einerseits würde man mit diesem Verhalten, davon ausgehen, dass man selbst die notwendige Fach- oder Sozialkompetenz für die Entscheidung besitzt, womit sich eine Delegation im Sinne von Liquid Democracy eigentlich erledigt, weil man dem Delegationsempfänger die entsprechende Fach- und Sozialkompetenz abspricht. Andererseits müsste man dann auch eine Ablehnung von Delegationen implementieren, wenn die an den Delegationsempfänger gestellten Forderungen für diesen unerfüllbar sind. Beides ist mit dem System, dass man bei Delegationsvergabe sein Stimmgewicht an den Delegationsempfänger überträgt und sich so dieser verhalten möchte, unvereinbar, da die Teilnehmer nicht gleichberechtigt untereinander agieren können.  Die Entscheidung, sein Stimmgewicht an jemanden zu übertragen, ist eine Vertrauensentscheidung.

Zu 6 – Kein Rechtfertigungszwang – aber Möglichkeit zum Feedback

Aufgrund dessen, dass mit der Delegation keine Forderung an den Delegationsempfänger verbunden ist, besteht auch kein Zwang zur Rechtfertigung der getroffenen Entscheidung. Für denjenigen, der sich nicht intensiv mit einem Thema beschäftigt, sondern eher beim Überfliegen vom Bauchgefühl ausgeht, werden manche Entscheidungen seines Delegationsempfängers nicht nachvollziehbar sein. Ausgehend von der fachlichen Kompetenz kann dieser der Ansicht sein, dass der Sachverhalt nicht ausreichend dargestellt ist, dass besondere Formalien nicht eingehalten wurden oder das der Sachverhalt durch eine andere Entscheidung oder die Tagespolitik sich bereits überholt hat. Die Gründe sind vielfältig, es spricht nichts dagegen, seine eigenen Entscheidungen aus eigenem Antrieb zu erklären, aber eine Delegation ist nicht mit einer Rechtfertigung für seine Entscheidungen verbunden. Wenn man als Delegationsgeber nicht zufrieden mit dem Ergebnis ist, kann man jederzeit die Delegation auf einen anderen Teilnehmer übertragen oder eben selbst aktiv werden.

Zu 7. Delegationszeiträume selbst bestimmen – die Entscheidung des Delegierenden achten

Wie schon erwähnt, obliegt dem Delegationsgeber die Entscheidung über sein Stimmgewicht, ob er dies nun dauerhaft nur einem Teilnehmer überträgt, oder dies entsprechend der Fach- und Sozialkompetenz bereichsweise vergibt oder für jeden Sachverhalt neu – es ist immer die Entscheidung des Delegationsgebers über sein eigenes Stimmgewicht. Nur dieser hat die Entscheidungsgewalt, niemand sonst. Alle Bestrebungen, dies zu beschränken oder zu mindern, führen zu einer Einschränkung in der Entscheidungsgewalt und untergraben somit das System der Gleichberechtigung der Teilnehmer.

Welche Entscheidung auch immer hinter einer Delegation steht, nur für das eigene Stimmgewicht kann und sollte man sich ein Urteil erlauben, andere aufgrund ihrer Delegation mit Eigenschaften zu kritisieren, heißt, die eigene Erwartungshaltung über die Entscheidungsgewalt des Einzelnen zu stellen. Eine Rechtfertigung für eine Entscheidung zur Vergabe einer Delegation oder deren Form wird vom System nicht gefordert, allerdings wird das Verhalten der Teilnehmer immer wieder durch aus dem Zusammenhang gerissene Sachverhalte bewertet und ausgehend von eigenen Erwartungshaltungen als negativ dargestellt.

Dabei ist es einerseits erforderlich, verschiedene Einstiegspunkte für das System zu bieten, um die geforderte Gleichberechtigung der Teilnehmer unter sich zu gewährleisten. Es ist eben keine Forderung des Systems, sich täglich oder wöchentlich mit dem System zu beschäftigen, es keine Forderung des Systems jedes eingestellte Thema, Anregung mittels zur Verfügung stehender Bibliotheken im Netz auf Sinn oder Unsinn durch jeden Teilnehmer zu prüfen, es ist keine Forderung des Systems, dass sich jeder Teilnehmer mit jedem Thema beschäftigen muss, um von seinem Stimmgewicht Gebrauch zu machen. Es sind immer Erwartungshaltungen derer, die das System regulieren wollen, weil es eigenen Vorstellungen nicht entspricht.

Zu 8 – Beliebig zwischen Delegation und direkter Aktivität wechseln

Die Vergabe einer Delegation an einen Delegationsempfänger bedeutet nicht, dass dieser über einen bestimmten Zeitraum über mein Stimmgewicht verfügen kann. Dem Teilnehmer selbst obliegt die Entscheidungshoheit, möchte er einen Sachverhalt direkt aktiv unterstützen, so kann er dies umsetzen, selbst wenn der Sachverhalt von seinem Delegationsempfänger bereits unterstützt wird. Jede eigene Aktivität setzt die Delegation aus, ob man nun sich aktiv direkt beteiligt oder aktiv indirekt eine andere Delegation auf der gleichen oder untergeordneten Ebene vergibt. In jedem Fall wird die eigene Entscheidung über die des Delegationsempfängers gewertet. Nur wenn man selbst sich nicht direkt aktiv beteiligt, wird die vergebene Delegation wirksam.

Die Delegation gibt die Sicherheit, dass wenn man sich nicht direkt aktiv beteiligt, das Stimmgewicht sich trotzdem auf den Entscheidungsprozess auswirkt, wenn der Delegationsempfänger direkt aktiv sich beteiligt oder eine Delegation vergibt, an deren Ende ein aktiver Teilnehmer steht.

Zu 9 – Delegationen kann man so schnell erhalten, wie man sie auch wieder verlieren kann.

Ein Umstand, den gerade die Nichtnutzer von Delegationen immer wieder übersehen ist, dass man sich bis zur letzten Sekunde des Abstimmungsprozesses nicht wissen kann, wie viele Delegationen man auf seine Person vereint, wie viele zwischenzeitlich selbst direkt aktiv geworden sind, wie viele anderen Teilnehmern ihre Delegation übertragen haben. In einem System, in dem die Teilnehmer bis zum Ablauf des Entscheidungsprozesses die Freiheit haben, Delegationen zu wechseln wie auch selbst direkt aktiv zu werden, ist es nicht möglich vor Ende des Entscheidungsprozesses die Anzahl der eigenen Delegationen einschätzen zu können. Aus diesem Grunde ist auch die sehr oft zu hörende Kritik, dass Delegationen bei Liquid Democracy vordergründig der Machtkumulation dienen, nicht zuzustimmen. Delegationen wechseln, werden ausgesetzt, der Delegationsempfänger weiß erst am Ende der Abstimmungsphase wie jeder andere auch, wie viel Stimmen er tatsächlich auf sich vereint hat.

Wenn am Ende einer Abstimmung mehrere Teilnehmer mehr Stimmen auf sich vereinigen als andere, dann ist diese Tatsache darauf zurückzuführen, dass andere Teilnehmer Entscheidungen über ihr eigenes Stimmgewicht getroffen haben. Diese Entscheidungen trifft nicht der Delegationsempfänger, er ist quasi der Transporteur des Stimmgewichts anderer, die Entscheidungen werden von den Delegationsgebern getroffen. Ausgehend von der Gleichberechtigung des Systems ist eine delegierte Stimme der direkt aktiven Stimme gleichzusetzen, der direkt aktiven Stimme ein höheres Stimmgewicht zu geben, unterläuft das System der Gleichberechtigung der Teilnehmer.

Zu 10. Delegation als Arbeitsteilung und Möglichkeit der Beteiligung an Entscheidungen 

Diese Art der Delegation bei Liquid Democracy  fördert einerseits die Arbeitsteilung am System, in dem man sich z.B. an den Sachgebieten beteiligt, die für einen selbst von Interesse sind bzw. bei denen man selbst der Ansicht ist, Fachkompetenz zu besitzen oder es einfach sinnvoll fortführen zu können. Für andere Sachgebiete und Sachverhalte, die für einen selbst nicht in vordergründigem Interesse stehen, vergibt man eine Delegation, um sich seinem Thema oder Sachgebiet in der Intensität der jeweils zur Verfügung stehenden Zeit widmen zu können. Gleichzeitig geht durch die Vergabe von Delegationen das eigene Stimmgewicht nicht verloren, wenn der Delegationsempfänger aktiv wird.

Auch hier wirken sich Delegationen wiederum positiv auf diejenigen Teilnehmer aus, die nicht die Zeit und Möglichkeiten haben, die Vielzahl der Sachverhalte und der anstehenden Entscheidungen selbst zu bearbeiten. Ihr Stimmgewicht wird dennoch gezählt, auch wenn sie sich nicht direkt aktiv beteiligen, sondern indirekt über eine Delegation. Arbeitsteilung ist eigentlich ein Begriff, den wir uns aus unserem täglichen Leben nicht wegdenken können, wir vertrauen darauf, dass andere Sachverhalte erledigen oder bearbeiten, für die uns selbst die Zeit, die Fachkenntnis oder schlichtweg auch die Lust fehlt. Dafür erledigen wir selbst Dinge, für die wiederum andere nicht die Zeit, Lust oder Fachkenntnis haben. Trotz dieser Alltäglichkeit fällt es uns schwer, dies für ein demokratisches System zu akzeptieren, obwohl es uns die Möglichkeit gibt, jederzeit die Arbeitsteilung zu ändern, wie auch selbst Sachverhalte zu erledigen.

Liquid Democracy ist die Möglichkeit, direkte Beteiligung zu schaffen, ohne eine Überforderung des Teilnehmers aufgrund der Fülle und der Schwere der Sachverhalte aufzubauen, die letztendlich zu oberflächlichen Entscheidungen führt bzw. die Lust verlieren lässt, sich selbst zu beteiligen. Das letztere ist meistens bei solchen Teilnehmern zu verspüren, die Delegationen weitgehend oder vollständig ablehnend gegenüber stehen. Diese äußern Kritik aufgrund der Fülle der vorhandenen Themen und des Aufwandes, diese zu bearbeiten. Wenn sich die Teilnehmer allerdings darauf verständigen können, nicht alle Sachverhalte selbst zu bearbeiten, sondern Sachgebiete anderen Teilnehmern zu überlassen, die man dann durch das eigene Stimmgewicht unterstützt, ist diese Aufgabe zu bewältigen.

Fazit: 

Im Vergleich zur repräsentativen Demokratie verspricht Liquid Democracy Vorteile für eine höhere direkte Beteiligung von denen, die durch Entscheidungen selbst betroffen sind. Die Voraussetzung für diese Beteiligung ist das Interesse, das kann in unterschiedlichen Stärken vorhanden sein. Es ist jedoch nicht anzunehmen, dass sich mit einem System, dass direkte Beteiligung letztendlich auch alle beteiligen, die eine Berechtigung besitzen. Letztendlich ist es immer die eigene Entscheidung und diese schließt auch ein, ob man sich beteiligen will. Wie jede Entscheidung desjenigen, der ein Stimmgewicht besitzt, ist auch diese zu respektieren.

Wenn man mehr Beteiligung will, muss man die Möglichkeiten und die Relevanz erhöhen. Die Möglichkeiten kann man durch Liquid Democracy erhöhen, über die Relevanz muss die Gesamtheit der jeweiligen Teilnehmer selbst entscheiden, diese Entscheidung kann kein System, eine Software, keine Einzelperson den Teilnehmern abnehmen.

Kann Liquid Democracy die repräsentative Demokratie ersetzen? Das wäre wiederum ein Thema für einen weiteren Blogbeitrag, im nächsten geht es erst einmal um den Vergleich mit der direkten Demokratie und den bisherigen Möglichkeiten.

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Mit Delegated Voting kann jeder bei Liquid Feedback selbst über die Art und Umfang der Beteiligung entscheiden.

Mit Delegated Voting kann jeder bei Liquid Feedback selbst über die Art und Umfang der Beteiligung entscheiden.

Die Begriffe Mitbestimmung, direkte Demokratie, Bürgerbegehren, Volksentscheid sind längst zum Alltag geworden. Immer mehr wollen bei den Entscheidungen, die sie selbst direkt oder indirekt betreffen, Einfluss ausüben, wollen das ihre Stimme zählt. Der Anspruch ist bereits seit längerem vorhanden, nicht erst seit dem die Piraten auf der Bildfläche erschienen sind und nicht nur die Piraten versuchen ihn umzusetzen.

Der Anspruch war vorhanden, die Wege der Umsetzung nicht. Wie den Anspruch, dass jeder mitbestimmen, mit entscheiden kann bzw. in Entscheidungen eingebunden wird, umsetzen? Versucht man dies innerhalb einer Organisation, eines festen Teilnehmerkreises, kommt man schnell an seine eigenen Grenzen. Wie erreicht man, dass jeder den gleichen Informationsstand hat, gleichberechtigt an Diskussionen teilnehmen kann, vor allem wie erreicht man, dass die Stimme eines jeden Teilnehmers nicht ihren Wert gänzlich oder zum Teil verliert? Wie erreicht man, dass ein  stetiger Einfluss auf Entscheidungen ausgeübt werden kann.

Das andere, meines Erachtens, viel größere Problem ist, wie kann man bewusste Entscheidungen über alle Themen gewährleisten? Wie kann man es auch nur von einem Menschen verlangen, dass er zu jedem Thema in jedem Bereich stets eine Ansicht fundiert vertreten kann? Wie kann man einerseits die Überforderung des einzelnen mit einer Fülle von Entscheidungen vermeiden und andererseits auch jedem die Möglichkeit zur konstruktiven Beteiligung geben, an Themen, die für den Einzelnen von großem Interesse sind.

Das Verfahren Liquid Democracy (fließende Demokratie) ist eine Möglichkeit, wenn man es konsequent vertritt. Als Verfahren, dass sowohl repräsentative Elemente als auch direktdemokratische Elemente in sich vereint, kann dieses Verfahren die Lösung sein, wenn wir jedem Menschen, jedem Teilnehmer die Entscheidung wie weit er sich beteiligt, in welchem Maße und in welcher Art selbst überlassen. Wenn wir  nicht versuchen, diese Entscheidung in irgendeiner Weise in Bahnen zu lenken, die scheinbar als wirkungsvoller dargestellt werden. Wenn wir nicht lernen, die Entscheidungen von anderen über ihre  Art und Weise der Beteiligung als gegeben zu akzeptieren, verbauen wir uns den Weg für die Lösung der zuvor erwähnten Sachverhalte.

Der Anspruch ist weiterhin, für jeden Einstiegsmöglichkeiten im System zu implementieren, nicht nur für die Entscheidungsfreudigen, nicht nur für die, die stundenlang an der Er- oder Überarbeitung eines Themas sitzen können, nicht nur für die, die Rechts- und Sachverständnis besitzen, sondern für alle. Jeder braucht einen anderen Einstieg, der eine wird erst wochenlang beobachten, ohne etwas zu tun, der andere wird sofort versuchen, seine Ansichten im System durchzusetzen, der nächste wiederum wird sich überlegen, wie er das System effektiv nutzen kann.

Keine Überforderung – aber bewusste Entscheidungen treffen und dabei eine gleichberechtigte Beteiligung für Jeden gewährleisten –  diesen Anspruch kann man mit den in Organisationen, Vereinen, Verbänden, Parteien und letztlich auch im Parlament vertretenden repräsentativen System allein nicht erfüllen. Das repräsentative System hat durchaus eine sinnvolle Eigenschaft, die der „Arbeitsteilung“. Man überlässt seine Stimme einem Dritten und je mehr Stimmen dieser erhält, desto stärker werden seine Chancen, stellvertretend für andere Einfluss auf Entscheidungen auszuüben.

Dabei sollte einem gleich auffallen, dass es bereits eine Hürde gibt, die Liquid Democracy mit Delegated Voting nicht aufweist. Die Möglichkeit, Einfluss auf Entscheidungen zu nehmen ist nicht von der Anzahl der Stimmen, die man erhält abhängig, die Wirkung schon. Jeder, ob nur mit seiner eigenen Stimmen, ein paar Stimmgewichten anderen Teilnehmer oder mit einer Anzahl von Stimmgewichten kann Einfluss nehmen.

Zwischenfazit: Mit Liquid Democracy (fließende Demokratie)  unter dem Prinzip von Delegated Voting kann der Anspruch umgesetzt werden, möglichst viele Berechtigte an einer Entscheidung zu beteiligen, entweder durch direkte Beteiligung oder indirekte Beteiligung durch Vergabe des eigenen Stimmgewichts an einen anderen Teilnehmer. Diese Form der Delegation (Delegated Voting) kann der Teilnehmer jederzeit zurücknehmen, sich selbst beteiligen oder an wiederum einen anderen Teilnehmer delegieren. 

Wie ist die Praxis?

Die Praxis ist wie oben erwähnt –  jeder reagiert beim ersten Zusammentreffen mit dem System anders, der eine hängt sich gleich rein, der andere versucht erst einmal die Zusammenhänge zu verstehen und der nächste beobachtet erst einmal nur.

Verstehen sollte man, dass die Vergabe einer Delegation einerseits eine bewusste Entscheidung des Delegationsgebers ist und andererseits, dass diese Entscheidung keinesfalls umgehend erfolgt und keine Sekundensache ist. Zunächst zur Vergabe der Entscheidungen aus der Sicht eines vorsichtigen Nutzers, der ich zu Beginn war. Das Vergeben von Delegationen war für mich ein Prozess, ich musste erst den Sinn erkennen, bis ich von jeder Möglichkeit Gebrauch gemacht habe. Den Sinn, dass eine Delegation in jedem Fall meine Entscheidung ist, in jedem Fall so zu entscheiden, wie der Delegationsempfänger (selbst wenn er gegen meine Ansicht entscheidet) und dass man ohne Delegationen zu vergeben, den Anspruch sich selbst viel und bewusst zu beteiligen, nicht erfüllen kann.

Wenn ich mir die heutige Plattform der Instanz Liquid Feedback der Bundesebene ansehe, bin ich froh über die vielen Piraten, die bewusst, sachlich orientiert dort arbeiten und versuchen die eingestellten Initiativen in programmatische oder organisatorische Aussagen umzuwandeln, denn das schafft niemand allein. Trotzdem sollten gerade Neueinsteiger sich die Zeit lassen, das System kennen zu lernen und nicht dem Anspruch erliegen, überall direkt mitmachen zu müssen, auch nicht dem Anspruch, jetzt sofort für jeden Themenbereich / Thema die passende Delegation zu finden. Lasst euch Zeit mit dieser Entscheidung, damit es auch eine bewusste, überlegte Entscheidung ist. Der Prozess hat bei mir sowohl in der Berliner Instanz als auch bei der Bundesinstanz sehr viele Wochen gedauert, bis ich mir halbwegs sicher war, an wem ich mit welcher Begründung in meinem Kopf eine Delegation erteile.

Vorgehen kann man, wenn man nicht die Möglichkeit hat, eine soziale Entscheidung zu treffen und somit an einen Teilnehmer zu delegieren, dem man entweder den notwendigen Sachverstand oder die erforderliche Sozialkompetenz für die Entscheidung zutraut, in dem man sich Themenbereich für Themenbereich vornimmt. Seht euch die Initiativen und ihre Verfasser an, haben diese andere Initiativen erstellt, unterstützen sie andere Themen, an wen delegieren sie möglicherweise? Wer schreibt Anregungen, findet ihr diese sinnvoll, würdet ihr diese unterstützen (kann man dann auch gleich in die Tat umsetzen muss oder soll anklicken) oder nicht (soll nicht oder darf nicht anklicken) ? Wer wiederum unterstützt die Anregungen (auf Meinungen klicken, wenn ihr zuvor die Anregung samt Text aufgerufen habt.)? Mit der Zeit findet ihr Teilnehmer, die ähnliche Ansichten wie ihr bei einem Thema vertreten, dann kann man eine Delegation erteilen. Eine Entscheidung im Bewusstsein treffen, dass dies eine Entscheidung ist, in jedem Fall so zu entscheiden, wie der Delegationsempfänger, keinesfalls der Ansicht zu sein, dass der Delegationsempfänger in jedem Fall so entscheiden wird, wie man selbst entscheiden würde.

Eine derartig getroffene Entscheidung ist eine Delegation, die ihr vergebt, weil ihr der Ansicht seid, dass der Delegationsempfänger eine fachliche Sachkenntnis zum Thema besitzt. Meinerseits vertraue ich diesem System sehr, wenn jemand in einem Fall nicht so abstimmt wie ich es getan hätte (kommt nicht oft vor) entziehe ich ihm nicht sofort die Delegation, sondern denke darüber nach, warum er es getan hat. Schließlich habe ich anhand meiner bewussten Entscheidung dem Delegationsempfänger Sachverstand zugetraut, war die Entscheidung zutreffend oder nicht. Es gab Fälle, in denen nach längerem Überlegen und näherer Betrachtung des Themas der Delegationsempfänger die zutreffende Entscheidung getroffen hat und meine oberflächliche Einschätzung (weil ich mich nicht ausreichend mit dem Thema befasst habe) nicht zu traf. Daher die Bitte, eine bewusste Entscheidung zu treffen. Betonung liegt auf Bitte, nicht auf Pflicht. Ich komme zum nächsten Punkt:

Jede Entscheidung über die eigene Beteiligung ist zu akzeptieren.

Das meine ich durchaus ernst. Wer sich entscheidet, ich gebe jetzt einfach dem meine Delegation, weil mir sein Avatarbild gefällt oder der Name mir irgendwie etwas sagt, dann ist das eine Entscheidung des Teilnehmers, wie er sein Stimmgewicht verteilen will und diese Entscheidung ist einfach zu akzeptieren, ohne die Gründe dafür in Zweifel zu ziehen. Zu lernen, die eigenen Ansprüche nicht bei anderen Teilnehmern zu verlangen bzw. sogar vorauszusetzen hat auch etwas mit sozialer Kompetenz zu tun. Noch eine Erkenntnis, die jedem Teilnehmer eines Liquid Democracy Systems bewusst sein sollte:

Eine Delegation ist eine Form der Beteiligung.

Beteiligung heißt nicht nur, dass man direkt an einem Thema arbeitet, es direkt unterstützt, direkt Anregungen schreibt, direkt abstimmt. Jeder hat das Recht, über sein Stimmgewicht so zu verfügen, wie er ist für richtig hält und niemand hat das Recht, eine bewusst getroffene Entscheidung anderer zu negieren bzw. deren Stimmgewicht zu mindern. Die gleichberechtigte Teilnahme jedes Nutzers ist für mich A und 0. Diese Gleichberechtigung zerstört man, wenn man aufgrund dessen, dass Teilnehmer delegieren, statt direkt zu handeln, der Ansicht ist, man hätte das Recht, ihr Stimmgewicht zu mindern. Etwas was immer wieder als Verhalten der Zeitelite dargestellt wird oder auch als Diktatur der Aktiven. Wenn wir wirklich gegen die Auswirkungen dieser sozialen Aspekte eintreten wollen, müssen wir erkennen, dass die Teilnehmer im System stets gleichberechtigte Entscheidungen treffen, unabhängig davon, ob sie direkt oder indirekt handeln.

Handelt man dieser Gleichberechtigung entgegen, werden diejenigen Teilnehmer, die sich oftmals indirekt beteiligen jegliche Lust auf Beteiligung bzw. mehr Beteiligung verlieren, weil ihre Entscheidungen nachrangig behandelt werden und ihnen somit das Gefühl gegeben wird, ihr Stimmgewicht ist weniger wert. Eine Plattform zur Willens- bzw. Meinungsbildung ist nicht dafür geeignet, technisch vorhandene soziale Defizite zu lösen, sie ist kein Erziehungsinstrument, vor allem weil es keinen Grund für die Erziehung gibt, wenn man sich immer wieder vergegenwärtigt, dass jede Entscheidung über die Beteiligung zu akzeptieren ist. Selbst die, die sich anzumelden und dann sich nicht mehr, in keiner Form beteiligen und selbst die, die sich nicht anzumelden. All das sind Entscheidungen, bewusste Entscheidungen, auf das eigene Stimmgewicht zu verzichten. Das heißt nicht, dass man nicht potentielle Teilnehmer motivieren sollte, die durchaus bereit sich, sich im System zu beteiligen, aber so etwas wie eine Anfangshürde verspüren und der Meinung sind, sich die Nutzung des Systems einfach nicht zu zu trauen.

 Arten der Delegationen – wie werden diese eingesetzt in Liquid Feedback

Themendelegation

Eine Delegation für ein Thema ist solange gültig, soweit man sich nicht selbst beteiligt, bis das Thema beendet, das heißt die Abstimmung abgeschlossen oder das Thema wegen unerreichten Quoren abgebrochen wurde. Wenn man delegiert hat und auf das blaue Dreieck neben dem Delegationsverweis klickt, sieht man den Weg der Delegation, ob der Delegationsempfänger bereits an andere Teilnehmer delegiert hat (mit der Version 2.0 wird dies noch offensichtlicher dargestellt). Wenn ihr jetzt das Thema unterstützt, eine Anregung schreibt oder eine Anregung unterstützt, wird die Delegation ebenso unterbrochen, wie wenn ihr selbst in der Abstimmungsphase von eurem direkten Stimmrecht Gebrauch macht.

Themendelegationen sind unterschiedlich zu betrachten, manche währen die gesamte Zeit des Durchlaufs des Themas, andere werden bereits in der Diskussionsphase durch Unterstützung, Zustimmung oder Ablehung einer Anregung durchbrochen. Im großen und ganzen kann man die Aussage treffen, dass sich die Wirksamkeit der Delegationen während eines Themas durchaus ändert, in der Abstimmphase ist die direkte Beteiligung meist höher als bei der Unterstützung des Themas.

Themendelegationen werden nach unterschiedlichen Aspekten vergeben, man kennt den Delegationsempfänger, kennt seine Sachkenntnis bzw. soziale Kompetenz. Man vergibt die Delegation an die oder einen Verfasser der Initiative oder einen Verfasser oder Unterstützer einer Anregung. Je nach dem, wem man nach seiner eigenen bewussten Entscheidung die höhere Kompetenz zutraut. Andere wiederum vergeben Delegationen an Themenbereichs-Mitglieder, selbst wenn diese sich noch nicht direkt an der Initiative beteiligt haben. Es ist in jedem Falle die eigene, freie, bewusste Entscheidung.

Welche Delegationen bestehen kann man am Reiter Delegationen erkennen, wenn man das Thema (nicht die Initiative) anklickt.

Themenbereichsdelegationen

Die Delegation ist solange gültig, wie der Themenbereich existiert oder man selbst Nutzer der Plattform ist, es sei den die Frist zur aktiven Anmeldung (momentan 180 Tage) ist überschritten, also man meldet sich innerhalb von 180 Tagen nicht an, dann wird die Delegation aufgelöst, man kann sie aber sofort bei der nächsten Anmeldung wieder neu erteilen.

Man kann als Grund anführen, dass man Themenbereichsdelegationen vergibt für Themenbereiche, bei denen man sich selbst nicht besonders direkt aktiv beteiligen möchte, ob nun aus Desinteresse oder weil andere Themenbereiche und deren Themen einfach die Aufmerksamkeit fesseln. Würde man hier mit den Gründen schließen, wäre dies eine sehr subjektive und nicht zutreffende Aussage, wie man am Ende des Beitragsteils erfahren kann. Es gibt viele Gründe für die Vergabe von Delegationen.

Themenbereichsdelegationen werden u.a. an Teilnehmer vergeben, zu denen man selbst eine soziale Beziehung hat bzw. deren Sachkenntnis man sich zutraut, einschätzen zu können. Eine Orientierung an bereits vorhandene Delegationen findet auch statt, dabei sowohl, dass man an Teilnehmer delegiert, an die andere delegieren, als auch in der Richtung, dass man an Teilnehmer delegiert , denen man Kompetenz zutraut, aber die nicht gerade eine hohe oder die höchste Anzahl Delegation im Themenbereich aufweisen. Delegationen erfolgen auch an Teilnehmer, die Mitglieder des Themenbereichs sind oder die selbst durch direkte Aktivität im Themenbereich auffallen. Es ist sehr unterschiedlich, die Art der Vergabe einer Delegation ist so verschieden, so verschieden die Teilnehmer agieren.

In dem Moment, in dem man ein Thema unterstützt, eine Anregung schreibt oder eine Anregung unterstützt, selbst eine Initiative verfasst, selbst die Abstimmung im Thema vornimmt. verliert die Themenbereichsdelegation für dieses Thema seine Gültigkeit. Das Gleiche gilt, wenn man eine Delegation für ein Thema vergibt und dieser entweder direkt aktiv wird oder selbst eine Delegation vergibt, die wiederum aktiv wird. Wenn jedoch weder der Delegationsempfänger, noch der Delegationsgeber oder andere Teilnehmer einer Delegationskette, die für das Thema gültig ist, aktiv werden, wird die Themenbereichsdelegation aktiv.

Das ist u.a. ein Grund dafür, dass viele direkt aktive Teilnehmer eine Themenbereichsdelegation vergeben, selbst wenn man selbst, der Delegationsempfänger des Themas oder andere der Delegationskette nicht aktiv werden, kann das eigene Stimmgewicht noch durch die Aktivität des Delegationsempfängers des Themenbereichs noch Einfluss auf die Entscheidung zum Thema ausüben.

Für mich persönlich sind Delegationen in Themenbereichen das erste Netz, dass sicherstellt, dass mein Stimmgewicht nicht verloren geht. Es ist eine bewusste Entscheidung von mir, dass im Falle der Inaktivität der Themendelegationen und meiner eigenen Inaktivität, ich mich mit meinem Stimmgewicht so verhalte, wie der Delegationsempfänger der Themenbereichsdelegation.

Globale Delegationen

Man vergibt diese Delegation an einen Teilnehmer des Systems und diese besitzt ihre Gültigkeit, solange man selbst Nutzer der Plattform ist bzw. sich innerhalb von 180 Tagen mindestens einmal angemeldet hat. Die globale Delegation erstreckt sich auf alle Bereiche, in denen man selbst aktiv werden kann. Sie wird durch direkt aktive Themenbereichsdelegationen, durch direkt aktive Themendelegationen unterbrochen, wie auch durch die eigene direkte Aktivität.

Die globale Delegation ist die meist kritisierte Delegation in Liquid Feedback Plattformen der Piratenpartei. Es wird suggeriert, dass Teilnehmer sich nur alle paar Wochen im System anmelden würde,  um eine Delegation zu vergeben. Es ist auch von einmaligem Verhalten die Rede, dass durch die Umsetzung der Begrenzung der Gültigkeit der Delegationen auf 180 Tage sein Ende gefunden hat, wenn man sich in diesem Zeitraum nicht anmeldet.

Mich stören zwei Aspekte an dieser Art von Aussagen. Der erste ist der, dass es für mich eine bewusste Entscheidung ist, ob ich eine globale Delegation vergebe und nur selten oder auch gar nicht direkt aktiv werde bzw. andere Delegationen vergebe. Eine Entscheidung, die zu respektieren ist, weil der Teilnehmer sie mit seinem Stimmgewicht getroffen hat und ich von einer gleichberechtigten Teilnahme jedes Nutzers im System ausgehe.

Selbst die 180 Tage Begrenzung sind mir zu viel, aber es war eine demokratische Entscheidung im System. Es liegt bereits eine Empfehlung aus Liquid Feedback vor, Delegationen im Bundesliquid auf 90 Tage zu begrenzen, eine Empfehlung, die ich beispielsweise in der Berliner Instanz für nicht umsetzbar halte, das wir uns dort für Regelwerke bei Erabeitung von Programm- und Satzungsänderungsanträgen entschieden haben, die durchaus mehr als 100 Tage dauern können, wenn auch die Neu-Phase ausgereizt wird. Ich frage mich, ob sich nicht auf mal auf Bundesebene die Regelwerke ändern können, dass sich diese verlängert, gerade wenn die Anzahl der Teilnehmer weiter steigt und man zur Erkenntnis gelangt, dass man längere Diskussionszeiträume für weitreichende Ergebnisse aus Liquid Feedback benötigt. In diesen Fällen wäre die Delegationsbegrenzung auf 90 Tage eine Farce, weil man nicht einmal sicherstellen könnte, dass eine Delegation über den gesamten Zeitverlauf eines Themas reicht. Und ich frage mich, warum diese Erziehungseffekte?

Der andere Grund, weshalb ich nichts von der Kritik an Globalen Delegationen halte, ist das diese Art der Delegation, die man ja nur einmal vergeben kann, für mich und andere Teilnehmer das doppelte Netz ist, Einfluss des eigenen Stimmgewichts auf eine Entscheidung zu erlangen, wenn man selbst nicht aktiv ist, keine Themen- oder Themenbereichsdelegation vergeben hat bzw. diese nicht aktiv werden. Das Stimmgewicht geht nicht verloren.

Anmerkung: Wenn der Fall eintritt, das gilt für alle Delegationsarten, dass der Teilnehmer auf den man delegiert hat, nicht mehr Nutzer der Plattform ist, wird man auf der Startseite auf dieses Problem im dann existierenden Reiter Delegationsprobleme hingewiesen. Auf der Startseite kann man sich über die jeweiligen Reiter auch die ausgehenden und eingehenden Delegationen anzeigen lassen, die die eigene Person betreffen.

Teilnehmer, die Stimmgewichte auf sich vereinigen

Wenn Teilnehmer sich durch direkte Aktivität oder Sachkompetenz auszeichnen, ihnen einfach nur so vertraut wird und so weiter… erhalten sie manchmal mehr als eine Delegation, manchmal auch sehr viele und dann kommen die Nutzer auf den Plan, die das für ungerecht halten, die darin eine Machtkonzentration sehen. Wenn man bis hierher aufmerksam gelesen hat, dann wird man wissen, dass ich diese Ansicht nicht teile.

1. Jeder Teilnehmer ist gleichberechtigt im System, die Gleichberechtigung schließt sowohl ein, eine Delegation vergeben zu können, als auch an eine beliebige Person diese zu vergeben zu können. Jede Begrenzung der delegierten Stimmgewichte bei einem Teilnehmer macht dieses Prinzip zu nichte, da den Teilnehmern bei Wirksamkeit nur ein eingeschränkter Anteil von Delegationsempfängern zur Verfügung steht. Die bewusst getroffene Entscheidung, auf einen bestimmten Teilnehmer delegieren zu können, kann dann nicht umgesetzt werden. Je mehr Teilnehmer im System, in Themenbereichen aktiver werden, desto mehr werden sich die Delegationen verteilen, also wer diese Delegationen kritisiert, überlegen warum die Teilnehmer diese erhalten und selbst aktiv werden.

2. Es ist keineswegs so, dass man die Anzahl der Delegationen, die man entweder zu Anfang einer Initiative hat bzw. im Verlaufe der Initiative sammelt auch noch bis zum Abschluss der Abstimmphase hat. Das ist ein Unterschied zum Delegiertensystem, wenn man seine eigene Entscheidung trifft, als jemand der im bisherigen Verlauf viele Delegationen auf sich vereint hat, dann weiß man schlichtweg nicht, wie viele es noch sind, dass erfährt man erst nach Abschluss der Abstimmphase und meiner Erfahrung nach, sind es immer weniger als vor Beginn der Abstimmphase. Das heißt, dass die Teilnehmer durchaus u.a. auch die bewusste Entscheidung treffen, jemanden für die Phase der Bearbeitung des Themas, Unterstützung des Themas, Erstellung von Gegeninitiativen oder Anregungen ihr Stimmgewicht verleihen, bei der Abstimmung aber wiederum bewusst wiederum von ihrem Stimmgewicht Gebrauch machen.

3. Als Delegationsempfänger einer Mehrzahl von Delegationen handelt man automatisch bewusster, auch wenn ich 100 x schreibe, dass eine Delegation bedeutet, dass derjenige in jedem Fall so abstimmen möchte, wie der Delegationsempfänger, überlegt man sich sie Entscheidungen länger und informiert sich mehr – vergibt ggf. auch selbst eine Delegation – weil man sich der Verantwortung für die eingehenden Stimmgewichte bewusst ist. Dieses Bewusstsein hat sozialen Ursprung und je länger Teilnehmer eine Mehrzahl von Stimmgewichten auf sich vereinigen, desto eher gibt dies für mich das Signal, dass diese Teilnehmer verantwortungsvoll handeln, ansonsten sind sie die Delegationen auch wieder, zumindest Teile davon schnell wieder los.

Ende

Da bin ich wieder am Anfang, bei dem Verfahren Liquid Democracy halte ich es für sehr wichtig, dass die Gleichberechtigung der Teilnehmer erhalten bleibt, dass jede Entscheidung über die Art und Weise der Beteiligung zu akzeptieren ist, gerade um das System nicht nur von den Teilnehmern zu bestimmen zu lassen, die das Interesse, die Intensität und die Zeit aufbringen und aufbringen können, an fast jedem Thema der Plattform aktiv zu werden. Jede Einschränkung der Beteiligungsmöglichkeiten wird meines Erachtens zu weniger Beteiligung führen. Vielleicht sollten wir uns auch darüber eingehender verständigen, was wir jeder für sich unter Beteiligung versteht oder unter direkt aktiv oder indirekt aktiv.

Ich halte nichts davon, dass Stimmgewicht der Teilnehmer in Abhängigkeit von der Art der Beteiligung zu sehen.

P.S. Wer Analysen und Zahlen sucht, sucht vergebens, ich bin ein aktiver Nutzer und das ist in jedem Fall meine subjektive Sicht auf diese Problematik. Ich bin der Ansicht, dass Liquid Feedback wie momentan kein anderes mir bekanntes System unsere in der Realität ebenso vorhandenen Handlungsweisen und sozialen Verbindungen sichtbar macht, die uns in der  Realität nicht in dem vorhandenem Maße bewusst sind. Wer analysieren möchte, sollte sich somit der Analyse der realen Verbindungen der Piraten unter sich zu wenden und ohnehin gilt, traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Zahlen sind Zahlen, in sie kann das interpretiert werden, was man sich als Ergebnis wünscht, in dem man einfach ein paar Aspekte außer Acht lässt, daher wähle ich lieber die ausführliche wörtliche Form im vollen Bewusstsein, dass ich auch mit diesem Text Einfluss ausübe.