Entschuldigung – ich möchte nur die Welt verändern

Ich halte Veränderungen für ein wichtiges Merkmal, wie sich eine Gesellschaft dem Wandel der Zeit anpassen kann, neue Herausforderungen annimmt. Das Muster, das eine Veränderung auslöst, ist ähnlich:

  • Einer Person oder einer Gruppe fällt ein Problem auf, man versucht es zu ergründen, um Lösungsmöglichkeiten zu finden.
  • Je nach Größe der Gruppe und unter Beachtung von Interaktionen und Grundlagen entstehen so kurz-, mittel- oder langfristig Vorschläge.
  • Diese Vorschläge werden Entscheidungsträgern, in weniger demokratischen Institutionen Einzelpersonen, in mehr oder weniger demokratisch organisierten Institutionen Gruppen, zur Bewertung vorgelegt.
  • Irgendwann – je nach Dringlichkeit, Widerstand gegen den Vorschlag – wird eine Entscheidung getroffen, der Vorschlag wird abgelehnt oder für gut befunden, oder er wird weiterentwickelt – oft verdrängt und dann einfach vergessen.
  • Manchmal wird auch etwas umgesetzt, was für gut befunden wird.

Was tiefgreifende Veränderungen weiterhin mit sich führen, ist der Protest, der meist mit „aber“ anfängt und an dessen Schluss das Ziel herrscht, die Entscheidung zur Umsetzung

  • auf unbestimmte Zeit zu verschieben, bis Voraussetzungen A – Z erfüllt sind,
  • wegen bestehenden Entscheidungen für unzulässig zu erachten,
  • der Veränderung zu verhindern.

Ich denke, dass wird jedem begegnen, der auf wissenschaftlicher und / oder politischer Ebene etwas verändern möchte. Als Gutenberg die Möglichkeit schuf, Schriften in hoher Auflage drucken zu lassen (allgemein als Erfindung des Buchdrucks geführt), waren die bisherigen Wächter und Bewahrer der Informationen nicht begeistert, sie verloren die Kontrolle über die Information und den Kreis derer, den sie bekannt war. Diese Art des Kontrollverlustes führte nicht nur zur weiteren Verbreitung von Schriften, sie führte letztendlich zu der Möglichkeit sich außerhalb von Klostermauern und Amts- und Studierstuben des Adels zu bilden, Wissen anzueignen. Die erste Medienrevolution begann.

„Die Herrschaft über die Information des Volkes liegt nicht mehr bei den Kanzleien und der Kirche, sondern wechselt in die Hände von Aristokraten, Bürgern und später schließlich von  Studenten und Arbeitern.“

http://akademische-blaetter.de/zeitgeschehen/gestern-und-heute/mit-gutenberg-faengt-es-an

In unserem Jahrhundert werden Veränderungen ebenso kritisch betrachtet, das Internet hat ähnlich wie im Mittelalter der Buchdruck eine Medienrevolution ausgelöst. Die Kontrolle über die Verbreitung von Informationen, die Kontrolle über den medialen Austausch von Informationen haben Staat, Wirtschaft und Medienkonzerne verloren. Das gefällt nicht. Man versucht, einen Teil der Kontrolle zurück zu erhalten, daher möchte man das Netz regulieren und gibt u. a.  dem Internet die Schuld für Sachverhalte, die in unserer und anderen Gesellschaften vorhanden sind und durch das Internet erbarmungslos offenbart werden.

Ja, Menschen sind nicht immer lieb, brav und zuvorkommend, sie können feindselig, beleidigend und intrigant sein. Das das nun offensichtlich im Netz kursiert, soll Schuld der vielen sozialen Netzwerke, der Foren und der Blogs im Internet sein – kurz der interaktiven Meinungs- und Informationsaustausch, der dort stattfindet, ist schuld. Die Menschen selbst, oder die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit nicht.  Ohne dieses Medium konnte man bisher so schön alles auf Einzelfälle beschränken, konnte Probleme unter den Tisch kehren und vieles super verdrängen. Verdrängung von Problemen führt dazu, dass sie nicht gelöst werden, da man sich mit ihnen nicht auseinandersetzt. Nur verdrängte Probleme verschwinden nicht von selbst, sie sind da, sie bleiben.

Mobbing, Stalking, persönliche Diffamierung, Beleidigung – das alles sind keine Erfindungen des Internets, es bildet nur ab, was in unserer Gesellschaft geschieht. Es wird nicht nur für einen bestimmten Kreis ersichtlich, welche Probleme wir in unserer Gesellschaft wir mit uns herumschleppen, es wird für alle im Netz sichtbar.  Was ist nun anders – als noch vor 30 – 40 Jahren? Man kann auf die ohnehin nur gespielte Höflichkeit verzichten, der Meinungsaustausch wird direkter.  Aber auch das ist nicht neu, keine Erfindung dieser Generation,  das wurde vorher auch schon gemacht, versteckt  in Gruppen, ob diese nun das Klischee von  Kaffeeklatsch- und Stammtischrunden erfüllen, oder das Gespräch beim Supermarkt, an der Straßenecke, auf dem Schulhof, an Treffpunkten stattfand, es gab sie, nur konnte man diese Art der Kommunikation verdeckt halten.   Das führt mich dazu,  zu fragen, was ist besser, weiterhin im Rücken tuscheln oder die Möglichkeit zu haben, dass man selbst das Getuschel mitbekommt? Beides schmerzt, beides führt zu Vertrauensverlust, beides führt zum Aufbau von Distanzen.

Dieses erbarmungslose Bild, in dem sich unsere Gesellschaft widerspiegelt gefällt nicht. Stets sind es nur die Probleme der anderen, man selbst ist ja nicht so und daher betrifft alles nur die anderen Gruppen. Man will es nicht wissen, man möchte sich nicht damit beschäftigen, man möchte es verdrängen.  Zunächst wird die Empörung hochgefahren und dann wird versucht, das Bild zu ändern, nicht die Ursache.  Das Bild setzt man mit der Wirkung gleich und diese Wirkung muss aufgehoben werden, welche Ursachen zum Bild führen, ist nicht so wichtig. Diese Problematik würde erfordern, dass man sich mit den Problemen auseinandersetzt, aber das ist oft nicht gewünscht. Die Beseitigung der Ursachen würde zu Tage fördern, wie sich die Gesellschaft jeden Tag, jede Stunde, jede Minute selbst belügt und sich auf die heile Welt zurückzieht.  Man kann die eigene Gesellschaft nur als verlogen bezeichnen und daher kommt der Wille her, etwas zu ändern, an der Gesellschaft und an der Welt.

Das ist aber nicht so einfach, diesen Willen zur Veränderung umzusetzen. Jeder Schritt, den man geht, löst Beobachtung aus. Sobald sich die Möglichkeit eines Erfolgs abzeichnen könnte, lösen Wächter und Bewahrer der vorhandenen, alten Zustände Alarm aus. Hektik bricht aus, man muss das verhindern, die erste Phase beginnt, es wird gemahnt und ermahnt:

  • andere Sachverhalte wären zu beachten und deren Änderung sei vorrangig, selbst wenn sie den geäußerten Vorschlag noch nicht einmal tangieren
  • der  Vorschlag muss erst einmal lange, eingehend und gründlich beraten werden, so schnell geht das schließlich nicht und man muss Experten befragen. Ob man zuvor bereits Diskussionen geführt hat ist nicht von Interesse, wenn die Bewahrer und Wächter nicht ihre Ansicht preisgeben konnten.
  • Die Idee ist zwar nachvollziehbar ist, aber es würden bestehende Entscheidungen dagegen sprechen. Auf die Idee solche Entscheidungen genau zu benennen, diese Verzögerungstaktik zu begründen oder gar Entscheidungen zurückzunehmen, kommt man selten oder gar nicht.
  • Es gibt keinen Konsens zu dem Vorschlag  (Auf das Thema Konsens gehe ich noch einmal in einem gesonderten Beitrag ein) und daher müsse man jetzt erstmal Diskussionen führen und zu einem Ergebnis führen – wie gesagt, unwichtig, wenn man das schon gemacht hat, solange sie nicht von Bewahrern und Wächtern erfolgt sind.

Müßig zu sagen, dass von selbst kaum etwas passiert, müßig zu sagen, dass gerade bei Sachverhalten, die Kontroversen auslösen, gern verdrängt wird, um die Möglichkeit des Vergessens zu offerieren. Und dann irgendwann ist wieder Aufatmen bei den Bewahrern und Wächtern, Angriffe an die eigene Kompetenz konnten erfolgreich abgewehrt werden. Waren Verluste zu beklagen, wenn interessiert es, die Bewahrer und Wächter bereiten sich auf den nächsten Einsatz vor.

Expertenmeinungen – ich sehe das zwiespältig, es gibt Experten, die andere Ansichten zulassen, so wie es die gibt, die auf eigene Ansichten beharren.  Die erste Option der letztgenannten ist es, die Idee zu verwerfen und sie als nicht beweisbar, nicht belegbar, illusorisch abzutun. Wie viele haben aufgegeben, da der Hohn und Spott der Fachwelt sie zermürbt haben, wie viele geben heute noch auf.

Wie geschrieben, besonders gefährlich wird es, wenn eine Idee konkrete Aussicht auf Erfolg hat, die bis dato schlummernde Gegnerschaft (… das geht nicht durch … ) wacht auf, bekommt Panik und aus der Panik heraus wird erstmal aufgerufen

  • das Ganze noch einmal zu überdenken,
  • Für und Wider abzuwägen
  • sich vor allem Zeit mit der Entscheidung zu lassen
  • und es gibt doch noch gar keinen Konsens….

Warum, man befürchtet den Verlust der Kontrolle über die anstehende Entscheidung, man befürchtet, der Vorschlag könnte umgesetzt werden und man befürchtet vor allem, die eigene Meinung könne nicht ausschlaggebend für die Entscheidung sein oder es geht auch einfach nur darum, dass man selbst noch nichts zum Thema gesagt hat.

Nun es gibt dann zwei Verfahrensweisen, die einen versuchen einen sachlichen, konstruktiven Dialog, um den Vorschlages zumindest abändern zu können –  in dieser Phase hört und liest man viele „aber“. Die anderen versuchen Zusammenhänge zu definieren, die nicht existent sind, auf andere Entscheidungen zu verweisen, die keinen direkten Bezug zur Problematik haben, auch ihr Ziel ist die Verhinderung. Die aggressivste Gruppe der Bewahrer und Wächter zieht zunächst die Glaubwürdigkeit der Idee ins Lächerliche, Vergleiche werden angestrengt, die die Idee als absurd darstellen sollen, wenn das nicht klappt, beginnt die nächste Phase, die Glaubwürdigkeit des Personenkreises, der diese Idee hatte,  wird direkt angegriffen, lächerlich gemacht und langsam aber sicher stetig zermürbt.

Soweit so gut, wird man sich denken, wenn jede Idee den Weg zur Umsetzung schaffen würde, wäre das zum Nachteil der Gesellschaft. Das Problem ist nur, dass die Bewahrer und Wächter durchaus nicht die Mehrheit der Ansichten der Gesellschaft repräsentieren könnten, sondern schlichtweg eigene Interessen vertreten. Ist es denn eine Mehrheit oder nimmt man  nur die wahr, die heftig in Gegenwehr ausbrechen? Lassen sich immer mehr durch die Ansichten von Minderheiten leiten, weil man zu bequem sind, selbst die grauen Zellen anzustrengen und die verbreiteten Thesen nachvollziehbar klingen?

Umsetzung von Ideen und Vorschlägen führen zu Veränderungen, das ist nicht zu verhindern. Man kann es nicht für alle Zeit der Welt verhindern, dass Ideen, die von Mehrheiten getragen werden, umgesetzt werden – zumindest solange man in einem demokratischen Rechtsstaat lebt. Die Wächter- und Bewahrermentalität möchte die Veränderungen auf einem kleinen, überschaubaren Niveau halten, Veränderungen, die Folgen auslösen, die man meint, dann nicht mehr unter Kontrolle zu haben, werden mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verzögert, wenn nicht verhindert.

Dabei sind es die Veränderungen, die es ausmachen, in wie weit sich eine Gesellschaft weiterentwickeln kann, Verhinderung, Verzögerung und Verdrängung kann zum Stillstand in wesentlichen Punkten der Entwicklung führen, deren Folgen dann wiederum für die gesamte Gesellschaft nicht absehbar sind.

Ich möchte das Bewahren von Bewährten nicht in jedem Fall negieren, ich möchte dass man Ideen und Vorschlägen eine Chance gibt und sie nicht einfach nur um ein Verhindern, Verdrängen zu erreichen, ablehnt. Nichts ist für die Ewigkeit, alles kann in Frage gestellt werden. Nur wenn wir scheinbar Bewährtes, Erfolgreiches auch in Frage stellen, können wir erkennen, ob dieser Erfolg wirklich noch einer ist, ob man durch bestehende Regeln nicht die Erfolge anderer Ideen verhindert.

Wenn ich mir was wünschen könnte, würde ich mir wünschen, dass sich auch die Bewahrer und Wächter mit dem Grund, der die Idee zur Veränderung bewirkt hat, auseinander setzen und nicht nur die Wirkung im Fokus haben, die es gilt um jeden Preis zu verhindern. Um jeden Preis, das ist nicht übertrieben, die Mittel werden gezielt und leider auch wirksam eingesetzt, die Ideen verblassen wie die, die sie initiiert haben, weil irgendwann der Erfolg der Zermürbung einsetzt.

In meiner idealistischen Sicht nähert man sich einem Problem mit dessen Lösung und nicht damit, dass man das Problem bestehen lässt, weil die vorhandene Lösung nicht gefällt. Aus dieser Sichtweise folgt die Logik, wenn man eine Lösung für nicht durchführenswert hält, eine Alternative vorzuschlagen, die das Problem von der Ursache ebenso lösen kann und nicht nur Wirkungen abmildert.

Bewahrer und Wächter machen die Veränderung der Welt schwer, aber nicht unmöglich, man darf sich gegen sie wehren und wenn ihr ihnen  begegnet, sagt einfach „Entschuldigung, ich möchte nur die Welt verändern.“

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