Relativierung, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen.

Gestern war es mal wieder so weit. Ein Pirat, Mandatsträger in NRW – twitterte eine Aussage in der er das Judentum in direkten Vergleich mit einer Kritik an Israel brachte. Das ist Antisemitismus, da gibt es nichts daran zu interpretieren, zu rechtfertigen und schon gar nicht zu relativieren. Statt diese Handlung und Aussage zu überlegen und in sich zugehen, ging es noch weiter. Diejenigen, die ihn zu Recht auf ein Fehlverhalten hinwiesen, wurden von ihm direkt angegriffen. Das Ganze gipfelte in zwei Aussagen, die mir zumindest sagen, Piraten wir haben ein riesengroßes Problem und redet nie mehr von Einzelfällen:

 https://twitter.com/DSLawFox/status/270250824976961536

 https://twitter.com/DSLawFox/status/270251124152475648

Da ist sich jemand keiner Schuld bewusst, keiner – Schuld sind die anderen, die doch die Frechheit haben, seine Aussagen als das zu bezeichnen was sie sind – Antisemitismus. Das Verhalten ändert sich auch nach einer Nacht, die die Zeit zum Überlegen geboten hat und einem Tag, in dem man das Gespräch mit anderen suchen konnte nicht. Der Blogpost dieses Mandatsträgers der Piratenfraktion ist an Relativierung nicht zu überbieten. Alle anderen haben Unrecht, nur der Verfasser der Tweets nicht. Jede Kritik an seinen Aussagen ist nur Interpretation – wenn andere da etwas hereininterpretieren – haben sie Schuld.

Der Satz„ Sollten sich unmittelbare, mittelbare Opfer oder Angehörige von Opfern von Gewaltherrschaft und/oder Krieg durch den Tweet in ihrer Ehre oder der Ehre und dem Andenken Angehöriger an Opfer verletzt fühlen, bedauere ich auch dies zutiefst und entschuldige mich für die – wenn auch aus meiner Sicht fern liegende – Schaffung der nicht ausschließbaren Grundlage für eine solche, nicht beabsichtigte Interpretationsmöglichkeit. – ist eine Meisterleistung der Relativierung. Aber damit nicht genug.

 Den mir gegenüber in diesem Zusammenhang teilweise erhobenen Vorwurf des Antisemitismus oder gar der Leugnung des Holocaust weise ich indessen mit aller Entschiedenheit für mich und die Piratenpartei, einschließlich der Piratenfraktion im Landtag NRW und des Landesverbandes NRW zurück.“

Es ist also doch nur ein Vorwurf, damit ist jeder noch so kleinste Ansatz einer Entschuldigung zuvor oder der Rücknahme des Tweets obsolet. Dieser Vorwurf wird zurückgewiesen, also hat dieser Mandatsträger gar nichts getan, keine unüberlegte Aussage getroffen, sondern wir sind nur alle viel zu blöd, den Sinn seiner Worte  zu erfassen, der doch für ihn so offensichtlich ist.

Ich habe die Nase so voll von dieser Art von Relativierung, von der Art und Weise, wie man die Verantwortung für eigene Aussagen scheut. „Das habe ich nicht so gemeint“ oder „..das ist nicht richtig interpretiert“ – sind Ausreden, nichts weiter. Ausreden, weil man sich davor scheut, die Verantwortung zu tragen, für eigenes Handeln und weil man davon ausgeht, dass bestimmt andere einem zur Hilfe eilen und eigene Aussagen stützen. Warum hat Dietmar Schulz nicht einmal in den Spiegel geschaut und sich Auge in Auge mit seinem Spiegelbild überlegt, dass vielleicht die Mehrzahl derer, die seinen Tweet kritisiert haben, durchaus Recht haben könnten. Aber was nicht sein darf, kann nicht sein und daher kam ihm auch gleich der Vorstand seiner Fraktion zur Hilfe.

 Mit dem Blogpost der heute morgen vom Vorstand der Piratenfraktion NRW veröffentlicht wurde ist ebenfalls ein Statement zur Relativierung. „Es ist völlig abwegig, Partei und Fraktion der Piraten Antisemitismus vorzuwerfen. Die Piraten stehen für Verständigung und ein pluralistisches Menschenbild. Wir treten Rassismus, Diskriminierung, Antisemitismus und Islamhass in jeder Form entschieden entgegen.“

Lieber Vorstand der Piratenfraktion in NRW, seid ihr wirklich so blind, dass ihr allein davon, dass ihr Programm und Satzung zitiert jegliches Problem negiert. Nichts gelernt? Wo ist eure Verantwortung, die für euren Landesverband, der den Sachverhalt anders beurteilt, für den Rest der Partei, deren Achtungserfolge in NRW und anderen Bundesländern ihr gerade dabei seid, die Grundlage zu entziehen. Keine Verantwortung, sondern Abweisung jeglicher Kritik. Weil Piraten sind die besseren Menschen – oder wie sonst?

Dazu muss man ergänzen, dass der Sachverhalt auf der morgigen Fraktionssitzung der NRW-Piratenfraktion zur Sprache kommen wird. Dazu muss man ergänzen, dass nicht alle Mitglieder der Piratenfraktion in NRW die Relativierung des Vorstands und von Dietmar Schulz teilen. Bleibt noch Hoffnung?

Die Landtagspräsidentin von NRW hat in ihrer Pressemitteilung die Worte gefunden, die der Vorstand der Piratenfraktion in NRW hätte finden können.  Auf die geforderte Distanzierung von den Worten von Dietmar Schulz wartet man zumindest bisher vergeblich.

 Noch einmal zum Mitschreiben. Ein gewählter Mandatsträger der Piratenfraktion in NRW ist sich nicht der Schuld bewusst, in einem Tweet Antisemitismus bedient zu haben, obwohl er von vielen verschiedenen Seiten auf diesen Fehler aufmerksam gemacht wird. Statt Entschuldigung anzubieten und die Aussage vollständig zurückzunehmen – relativiert er seine Aussage. Er übernimmt keine Verantwortung für seine Handlungen, war das nicht die Sorte Politiker, die wir ablehnen? Die Sorte, die nicht fähig ist, eigene Handlungen zu reflektieren, die Sorte, die nicht fähig ist, eigene Fehler zu erkennen und aus ihnen zu lernen.

In Hand dieses Mandatsträgers liegen zum Teil die Geschicke des bevölkerungsreichsten Bundeslandes, er ist sowohl Mitglied im Hauptausschuss als auch im Rechtsausschuss des Landtages NRW . Das Fazit des heutigen Tages für mich ist: Durch die Relativierung und die Bestätigung der Relativierung durch den Vorstand besteht kein Grund für Dietmar Schulz in Zukunft ähnliche Äußerungen zu unterlassen, weil er hat ja keinen Fehler begangen, andere haben „nur“ missinterpretiert.

Was denkt dieser Mensch eigentlich, wie lange andere es noch aushalten sollen, diese Art von Besserwisserei und Rechthaberei zu ertragen, diese Art andere Menschen einfach für dumm zu verkaufen und ihnen einzureden, dass sie dass nur falsch verstanden haben. 

 WIR KÖNNEN LESEN, WIR SIND INTELLIGENT GENUG DEN SINN DER TWEETS VON DIETMAR SCHULZ ZU VERSTEHEN. SIE SIND NICHT MISSZUVERSTEHEN.

Wir – die Piratenpartei Deutschland haben ein Problem – es nennt sich Relativierung, um keine Verantwortung tragen zu müssen. Es hat sich gestern und heute geäußert und wenn wir nachdenken, ist es ein weit verbreitetes Problem, dass wir eigene Problem in der Weltanschauung innerhalb der Piratenpartei nicht erkennen wollen, sondern nur den Dorn im Auge der anderen sehen, den eigenen übersehen wir.

…..Und immer noch reden manche von Einzelfällen und reden anderen ein, dass es überhaupt kein Problem gibt. Alles ist gut, es gibt gar kein Problem – im Friede-Freude-Eierkuchenland der Piraten. 

 

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Ein Gedanke zu “Relativierung, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen.

  1. … man kann das ruhig mal zitieren, damit man weiß, worum es geht:

    „Grotesk: Gedenken der Opfer von Gewaltherrschaft und Krieg auf jüdischem Friedhof während Israel bombt was das Zeug hält #volkstrauertag“

    Und absolut einverstanden. Das IST definitiv antisemitisch!
    Das hat so das Level:

    „Warum Bananen essen, wenn es doch Nachts kälter als Draussen ist! #Lebensmittelblödsinn“

    Das Gedenken an die bis 1945 von Vorläufern der NSU millionenfach ermordeten Menschen jüdischen Glaubens haben mit den heutigen, maßgeblichen, befehlsberechtigten Politikern und Militärs eines Staates Israels nichts, nichts und gar nichts zu tun.
    Wer da dennoch öffentlich einen Zusammenhang herstellt, drückt damit etwas aus. Er gibt sich sogar große Mühe dabei und umgeht vorsätzlich Logik und Fakten.
    Es ist ja schon spät, darum tippe ich mal ganz langsam:
    Jüdischer Glaube = UNGLEICH israelische Staatsangehörigkeit!
    Tote Opfer der Vorläufer der Neonazis = UNGLEICH heute lebende Politiker in Israel!
    Usw.
    Oder noch mal zusammenhängend: Ermordete, tote Menschen jüdischen Glaubens sind NICHT lebende Staatsbürger Israels, die Politiker wurden und nun Bombardements anordnen.
    Und umgekehrt auch nicht.
    Ein drittes Mal:
    Tot ist nicht gleich lebend. Lebend ist nicht gleich tot.
    Israeli ist nicht automatisch gleich jüdischen Glaubens.
    Jüdischen Glaubens ist nicht automatisch israelischer Staatsbürger.
    Und, btw., israelische Staatsbürgerin oder israelischer Staatsbürger ist auch nicht automatisch gleich diese Entscheidung treffender Politiker.

    So ist das. Und das weiß man. Als deutscher Politiker erst recht.
    Wenn nicht, dann WILL man es nicht wissen.
    Oder ist sehr dumm.

    IMHO ist es eher 5 nach 12, als 5 vor 12.

    „Ich habe nachgedacht und gesehen, dass es falsch und nicht den Realitäten und der Wahrheit entsprechend war, was ich geschrieben habe. Dies öffentlich zu schreiben und zu behaupten war darüber hinaus ein politischer Fehler, der der PIRATENPARTEI geschadet hat. Ich nehme jedes meiner Worte zurück und bitte aufrichtig um Entschuldigung.“

    = Das. Könnte es vielleicht noch ein wenig heraus reißen.
    Alles andere wäre. Nun. Etwas anderes.

    Gruß
    Burkhard Tomm-Bub, M.A.

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