Delegationen Liquid Democracy im Vergleich zur repräsentativen Demokratie

Der Begriff Delegation ist in unserer Demokratie bisher eng mit der Wahl von Vertretern verbunden, weniger mit dem auch oft von uns alltäglich benutzten Begriff „etwas zu delegieren“. Sei es eine Aufgabe, sei es eine Erledigung – Bei dieser Art der Delegation im alltäglichen Leben erwarten wir eine Rückmeldung (Feedback), in wie weit die Aufgabe erfüllt ist, die Erledigung erfolgt ist usw.

In dieser Hinsicht gehen wir nicht von einer Wahl aus, wir wollen das andere für uns oder in unserem Namen etwas erledigen. Um die Qualität der Delegationen in Liquid Democracy zu verstehen, muss man diese unterschiedlichen Begriffe für sich definieren.

Liquid Democracy nutzt Elemente der repräsentativen Demokratie, eine Form von Delegationen zur Vernetzung, zum Austausch, ohne das starre Strukturen gebildet werden. Die Strukturen der Vernetzung in Liquid Democracy sind veränderlich in der Wirkung und in der Zeit. Vor allem erlaubt die Vergabe von Delegationen in Liquid Democracy auch weiterhin, dass man selbst direkt aktiv beteiligt, die eigene direkte Aktivität wird vorrangig behandelt.

Der Delegierte in der repräsentativen Demokratie

Ein Delegierter repräsentiert bzw. vertritt eine Gruppe in einer nächsthöheren Entscheidungsebene bei den dort zu treffenden Entscheidungen. Bei der Erfüllung dieser Aufgabe wird vom Delegierten erwartet, dass er die Ansichten der Gruppe vertritt. Diese Art von Delegierten werden durch eine Wahl bestimmt, je nach Organisationsform offen oder geheim, oftmals in geheimer Wahl. Die Wahl von Delegierten bei kommunalen Wahlen, Landtags-, Bundestagswahlen sowie Wahlen zum Europaparlament vorgenommene Stimmvergabe ist eine Entscheidung für einen festgelegten Zeitraum. Die sich zur Wahl stellenden Personen werden aufgrund eines Wahlkampfs, des Wahlprogramms ihrer Organisation/Gruppe oder auch wegen der Person gewählt,  direkt oder indirekt über Listenwahl. Es werden direkte Forderungen an den / die Delegierten herangetragen, von deren Erfüllung die Wiederwahl abhängt. Die Erwartung besteht des weiteren, dass der / die Delegierte(n)  über Handlungen und die Sachverhalte auf den Entscheidungsebenen informiert. Die weitere, nicht zu verachtende Erwartungshaltung ist, dass das Wahlprogramm, was die betreffende Gruppe aufgestellt hat, bei erfolgter Wahl entsprechend den Möglichkeiten von den Delegierten umgesetzt wird. Also in kurz, Erwartungen erfüllen:

* Interessenvertretung

* Information

* Umsetzung des Programms

Wenn die Erwartungen vom Delegierten nicht erfüllt werden, können die, die ihn aufgestellt und gewählt haben, zwar mit ihm im direkten Kontakt treten, aber es gibt keine Möglichkeit vor Ablauf des Delegationszeitraumes die Stimme an den Delegierten zurückzuziehen. Eine Rechtfertigung für die getroffenen Entscheidungen erfolgt erst nach Ablauf des Zeitraumes für den die Person als Delegierter gewählt worden ist. Delegationen in der repräsentativen Demokratie bestehen in festen Zeiträumen, diese können sich auf Tage (Konferenzen, Versammlungen, Parteitage) beschränken, aber auch für Jahre gelten (Parlament).

In der Theorie sichert dem gewählten Vertreter die Wahl als Delegierter eine Unabhängigkeit zu, Entscheidungen nach seinem Empfinden so zu treffen, ob diese nun im Sinne der Gruppe, der Allgemeinheit und seinen persönlichem Empfingen entsprechen. In der Praxis wird gerade dieses System durch den sogeannnten Fraktions- und Gruppenzwang unterlaufen.

Die Aufgabenstellung bei der repräsentativen Demokratie ist komplex, so dass die Wahl des Delegierten einem Auftrag zur Umsetzung der Aufgabenstellung nachkommt. Man wählt Vertreter in Gremien, Ämtern und Parlamenten, erwartet von ihnen die Aufgabenerfüllung. Die Beteiligung an dieser Art der Wahl ist davon abhängig, ob man eine gewisse Anzahl von Unterstützen auf sich vereinen kann. Gerade Stimmen, die für Gruppen mit geringer Erfolgschance abgegeben werden, gelten als verloren. Daher sind Wahlen von strategischem Denken geprägt, demjenigen seine Stimme zu geben, der eigene Ziele stellvertretend umsetzen kann bzw. vom Idealismus, die Stimme auch Gruppen mit geringer Erfolgschance zu geben, quasi als Anerkennung für ihren Einsatz, selbst wenn man sich halbwegs sicher ist, dass diese nicht in die nächste Entscheidungsebene kommen. Nicht zu vergessen, die, die keine Wahl in der vorhandenen Auswahl sehen, von ihrem Stimmrecht keinen Gebrauch machen, auch diese Entscheidung ist ebenso zu akzeptieren, wie eine abgegebene Stimme.

Dieses System der repräsentativen Demokratie bietet nicht die Möglichkeiten, mehr Mitbestimmung und direkten Einfluss für alle Stimmberechtigten an Entscheidungen der „Delegierten“ zu ermöglichen, die Möglichkeit der Teilnahme am Entscheidungsprozess beschränkt sich darauf, selbst Delegierter zu werden.

Delegationsempfänger bei Liquid Democracy

Mit Liquid Democracy wird das Ziel verfolgt, dass alle, die sich ein einer gemeinsamen Organisation, Verband und/oder einer Gliederung befinden, gleichberechtigt Entscheidungen treffen können. Kennzeichen der Gleichberechtigung ist dass jeder Teilnehmer das gleiche Stimmgewicht hat und über dessen Verfügung allein entscheidet. Das System Liquid Democracy ist sowohl innerhalb von Organisationen einsetzbar, als auch um eine höhere Beteiligung der Bevölkerung an Entscheidungen von Kommunen und Parlamenten zu gewährleisten. Daher sollte man sich über die Unterschiede zur repräsentativen Demokratie nicht nur informieren, sondern sie auch bei allen Vorbehalten, die gegen Delegationen bestehen, beachten.

Die Gegensätze zur repräsentativen Demokratie sind zahlreich:

  1. Es findet keine Wahl statt, sondern es erfolgt eine Übertragung des eigenen Stimmgewichts.
  2. Die Delegationen sind auf den gleichen Ebene wirksam, auf der die Stimmberechtigten sich direkt an Entscheidungsprozessen beteiligen kann.
  3. Das Stimmgewicht ändert sich nicht durch den Akt der Delegation, sondern jede Delegation addiert sich zu der eigenen bzw. weiteren bereits vorhandenen hinzu.
  4. Delegationen werden direkt vom Stimmberechtigten erteilt, sie erfolgen nicht durch eine Gruppenentscheidung.
  5. Delegationen haben keine Aufgabenerfüllung als Hintergrund, sondern die Delegierenden möchten das ihr Stimmgewicht wie das des Delegationsempfängers verwendet wird.
  6. Es werden bei der Aufgabenerfüllung nicht die Interessen und die Ansichten der delegierenden Teilnehmer verfolgt, der Delegationsempfänger verfolgt weiterhin eigene Interessen.
  7. Der Zeitraum der Delegation ist unbestimmt, die Delegation kann kurzfristig ebenso erteilt wie auch kurzfristig zurückgezogen werden. Ebenso können die Delegationen langfristig erteilt werden, es ist in jedem Fall die Entscheidung des Delegierenden.
  8. Die Erteilung der Delegation hindert den Teilnehmer nicht daran, selbst am Entscheidungsprozess aktiv zu werden, mit seiner Aktivität wird die Delegation ausgesetzt.
  9. Aufgrund der jederzeit zu ändernden Delegation und der Möglichkeit, dass Delegierende sich selbst direkt aktiv jederzeit am Entscheidungsprozess beteiligen können, ist dem Delegationsempfänger am Anfang und im Verlauf der Abstimmung bis zur letzten Sekunde der Abstimmung nicht bekannt, welches Stimmgewicht er tatsächlich auf sich vereint.
  10. Um am Entscheidungsprozess teilzunehmen, ist keine Delegation auf einen Vertreter erforderlich, aber hilfreich, wenn man sich mit Themen intensiver beschäftigen möchte.

Zu 1 – keine Wahl – Übertragung Stimmrecht

Teilnehmer stellen sich nicht zur Wahl, sie kandidieren nicht im demokratischen Sinne. Es findet keine Wahl mit Wahlleitung, Wahlordnung und Auszählung statt. Die Delegierenden übertragen ihr Stimmrecht auf den Delegationsempfänger im Sinne einer Vollmacht, für einen unbestimmten Zeitraum mit ihrem Stimmgewicht zu agieren, ohne dass sie ihre eigene direkte Aktivität dadurch ausschließen.

Zu 2 – Alle Teilnehmer agieren auf der gleichen Ebene, ob mit oder ohne Delegation.

Während in der repräsentativen Demokratie Delegierte in eine übergeordnete Entscheidungsebene gewählt werden, zu denen Delegierende selbst keinen Zugang haben (wenn sie nicht selbst kandidieren) wirken sich Delegationen in Liquid Democracy auf den Ebenen aus, an der die Delegierenden ebenfalls direkten Zugang haben. Hierarisch aufgebaute Entscheidungsebenen, in denen sich in einer Ebene stets Delegierte der untergeordneten Ebene befinden, sind somit im Liquid Democracy System praktisch nicht vorhanden. Der Delegationsempfänger hat nicht mehr Rechte als jeder Teilnehmer selbst.

Die Ausnahme, in der man als Stimmberechtigter in der repräsentativen Demokratie sich an Entscheidungen der nächsthöheren Ebenen beteiligen kann, Volksinitiativen, Volksbegehren, Bürgerentscheide oder auch entsprechende Möglichkeiten von Mitgliedern direkt Entscheidungen herbei zu führen bzw. diese vorzubereiten sind an Hürden gebunden. Erst wenn diese Hürde = Quorum erfüllt wurde, kann man Forderungen direkt an die übergeordnete Entscheidungsebene stellen. Das entspricht nicht einer Gleichberechtigung innerhalb eines Systems, wenn für Gruppen Quoren gelten während andere (Delegierte) selbst Forderungen an die Entscheidungsebene richten können.

Zu 3 – Stimmgewicht bleibt bei der Delegation erhalten

In der repräsentativen Demokratie haben Delegierte lediglich ihr eigenes Stimmgewicht, dies unterscheidet sich nicht von der Anzahl der Mitglieder / Teilnehmer, die sie als Delegierte gewählt haben. Delegationen bei Liquid Democracy im Sinne der Stimmübertragung sichern zu, dass das Stimmgewicht der Delegierenden erhalten bleibt. Jede Delegation = ein Stimmgewicht. Das Stimmgewicht wird nicht begrenzt, um die gleichberechtigte Teilnahme jedes Stimmberechtigten am Entscheidungsprozess zu gewährleisten. Jede Verringerung des Stimmgewichts würde dazu führen, diese Gleichberechtigung zu untergraben.

Zu 4 – Delegation wirkt ab der ersten Stimmübertragung

Da sich die Delegation bei Liquid Democracy als Vollmachterteilung versteht, wirkt sich diese ab der ersten erteilten Stimmübertragung aus und wird vom Delegationsempfänger entsprechend genutzt. Jedes Stimmgewicht hat somit Auswirkungen im Entscheidungsprozess, wenn es direkt aktiv oder indirekt über Delegation aktiviert wird. In der repräsentativen Demokratie neigt man dazu, strategische Entscheidungen zu treffen, damit sich das eigene Stimmgewicht auf kommende Entscheidungsprozesse auswirkt, daher wird eben denjenigen Kandidaten oftmals die Stimme gegeben, die die Chance haben, eine Vielzahl von Stimmen auf sich zu vereinen, um die nächsthöhere Entscheidungsebene zu erreichen. Derartiges strategisches Verhalten ist in einem Liquid Democracy System nicht erforderlich, da jedes Stimmgewicht Auswirkungen am gesamten Prozess hat, insofern es direkt oder indirekt aktiviert ist. Das bedeutet nicht, dass Teilnehmer nicht trotzdem dazu neigen, sich an anderen Teilnehmern zu orientieren, die eine höhere Anzahl von Stimmen auf sich vereinigen, als man selbst. Das ist das Abbild des sozialen Lebens in unserer Gesellschaft, wir orientieren uns an denen, von denen wir der Ansicht sind, sie haben aufgrund der hohen Unterstützung mehr Fach- und Sozialkompentenz als andere Teilnehmer des Systems. Diese Art und Weise Entscheidungen zu treffen ist in unserem Verhalten verankert, die Ursache hierzu ist kein System und auch kein das System unterstützende Software. Auch dies ist eine Entscheidung des Stimmberechtigten, die eigene Erwartungshaltung vielleicht nicht erfüllt, aber die Entscheidung über sein Stimmgewicht fällt jeder selbst. Diese Entscheidung ist in jedem Fall zu respektieren, auch wenn man daher mit eigenen Positionen nicht durchkommt.

Zu 5 – Delegation bedeutet sich dem Urteil des Delegationsempfängers anzuschließen

Vergibt man in einem Liquid Democracy System eine Delegation, so schließt sich dies das Bekenntnis ein, sich so zu verhalten wie der Delegationsempfänger. Das begründet sich in den Sachverhalten, aus denen eine Delegation vergeben wird. Die Delegation wird nicht wegen der Erfüllung einer Erwartung an den Delegierenden vergeben, sondern weil man dessen fachlicher Kompetenz oder sozialen Kompetenz vertraut. In diesem Sinne ist eine Entscheidung des Delegationsempfängers konträr zu eigenen Ansichten nicht unbedingt ein Grund, ihm die Delegation wieder zu entziehen, gerade wenn man die Delegation aus dem Grund vergeben hat, dass der andere sich in der Sache besser auskennt als man selbst. Eine Delegation in einem Liquid Democracy System zu vergeben ist nicht mit einer Forderung an den Delegationsempfänger verbunden.

Wenn man mit einer Delegation Forderungen der Delegationsgeber an die Delegationsempfänger verbinden würde, unterliegen die Delegationsempfänger dem Entscheidungsdruck durch die Delegationsgeber, sich in ihrem Sinne zu entscheiden. Einerseits würde man mit diesem Verhalten, davon ausgehen, dass man selbst die notwendige Fach- oder Sozialkompetenz für die Entscheidung besitzt, womit sich eine Delegation im Sinne von Liquid Democracy eigentlich erledigt, weil man dem Delegationsempfänger die entsprechende Fach- und Sozialkompetenz abspricht. Andererseits müsste man dann auch eine Ablehnung von Delegationen implementieren, wenn die an den Delegationsempfänger gestellten Forderungen für diesen unerfüllbar sind. Beides ist mit dem System, dass man bei Delegationsvergabe sein Stimmgewicht an den Delegationsempfänger überträgt und sich so dieser verhalten möchte, unvereinbar, da die Teilnehmer nicht gleichberechtigt untereinander agieren können.  Die Entscheidung, sein Stimmgewicht an jemanden zu übertragen, ist eine Vertrauensentscheidung.

Zu 6 – Kein Rechtfertigungszwang – aber Möglichkeit zum Feedback

Aufgrund dessen, dass mit der Delegation keine Forderung an den Delegationsempfänger verbunden ist, besteht auch kein Zwang zur Rechtfertigung der getroffenen Entscheidung. Für denjenigen, der sich nicht intensiv mit einem Thema beschäftigt, sondern eher beim Überfliegen vom Bauchgefühl ausgeht, werden manche Entscheidungen seines Delegationsempfängers nicht nachvollziehbar sein. Ausgehend von der fachlichen Kompetenz kann dieser der Ansicht sein, dass der Sachverhalt nicht ausreichend dargestellt ist, dass besondere Formalien nicht eingehalten wurden oder das der Sachverhalt durch eine andere Entscheidung oder die Tagespolitik sich bereits überholt hat. Die Gründe sind vielfältig, es spricht nichts dagegen, seine eigenen Entscheidungen aus eigenem Antrieb zu erklären, aber eine Delegation ist nicht mit einer Rechtfertigung für seine Entscheidungen verbunden. Wenn man als Delegationsgeber nicht zufrieden mit dem Ergebnis ist, kann man jederzeit die Delegation auf einen anderen Teilnehmer übertragen oder eben selbst aktiv werden.

Zu 7. Delegationszeiträume selbst bestimmen – die Entscheidung des Delegierenden achten

Wie schon erwähnt, obliegt dem Delegationsgeber die Entscheidung über sein Stimmgewicht, ob er dies nun dauerhaft nur einem Teilnehmer überträgt, oder dies entsprechend der Fach- und Sozialkompetenz bereichsweise vergibt oder für jeden Sachverhalt neu – es ist immer die Entscheidung des Delegationsgebers über sein eigenes Stimmgewicht. Nur dieser hat die Entscheidungsgewalt, niemand sonst. Alle Bestrebungen, dies zu beschränken oder zu mindern, führen zu einer Einschränkung in der Entscheidungsgewalt und untergraben somit das System der Gleichberechtigung der Teilnehmer.

Welche Entscheidung auch immer hinter einer Delegation steht, nur für das eigene Stimmgewicht kann und sollte man sich ein Urteil erlauben, andere aufgrund ihrer Delegation mit Eigenschaften zu kritisieren, heißt, die eigene Erwartungshaltung über die Entscheidungsgewalt des Einzelnen zu stellen. Eine Rechtfertigung für eine Entscheidung zur Vergabe einer Delegation oder deren Form wird vom System nicht gefordert, allerdings wird das Verhalten der Teilnehmer immer wieder durch aus dem Zusammenhang gerissene Sachverhalte bewertet und ausgehend von eigenen Erwartungshaltungen als negativ dargestellt.

Dabei ist es einerseits erforderlich, verschiedene Einstiegspunkte für das System zu bieten, um die geforderte Gleichberechtigung der Teilnehmer unter sich zu gewährleisten. Es ist eben keine Forderung des Systems, sich täglich oder wöchentlich mit dem System zu beschäftigen, es keine Forderung des Systems jedes eingestellte Thema, Anregung mittels zur Verfügung stehender Bibliotheken im Netz auf Sinn oder Unsinn durch jeden Teilnehmer zu prüfen, es ist keine Forderung des Systems, dass sich jeder Teilnehmer mit jedem Thema beschäftigen muss, um von seinem Stimmgewicht Gebrauch zu machen. Es sind immer Erwartungshaltungen derer, die das System regulieren wollen, weil es eigenen Vorstellungen nicht entspricht.

Zu 8 – Beliebig zwischen Delegation und direkter Aktivität wechseln

Die Vergabe einer Delegation an einen Delegationsempfänger bedeutet nicht, dass dieser über einen bestimmten Zeitraum über mein Stimmgewicht verfügen kann. Dem Teilnehmer selbst obliegt die Entscheidungshoheit, möchte er einen Sachverhalt direkt aktiv unterstützen, so kann er dies umsetzen, selbst wenn der Sachverhalt von seinem Delegationsempfänger bereits unterstützt wird. Jede eigene Aktivität setzt die Delegation aus, ob man nun sich aktiv direkt beteiligt oder aktiv indirekt eine andere Delegation auf der gleichen oder untergeordneten Ebene vergibt. In jedem Fall wird die eigene Entscheidung über die des Delegationsempfängers gewertet. Nur wenn man selbst sich nicht direkt aktiv beteiligt, wird die vergebene Delegation wirksam.

Die Delegation gibt die Sicherheit, dass wenn man sich nicht direkt aktiv beteiligt, das Stimmgewicht sich trotzdem auf den Entscheidungsprozess auswirkt, wenn der Delegationsempfänger direkt aktiv sich beteiligt oder eine Delegation vergibt, an deren Ende ein aktiver Teilnehmer steht.

Zu 9 – Delegationen kann man so schnell erhalten, wie man sie auch wieder verlieren kann.

Ein Umstand, den gerade die Nichtnutzer von Delegationen immer wieder übersehen ist, dass man sich bis zur letzten Sekunde des Abstimmungsprozesses nicht wissen kann, wie viele Delegationen man auf seine Person vereint, wie viele zwischenzeitlich selbst direkt aktiv geworden sind, wie viele anderen Teilnehmern ihre Delegation übertragen haben. In einem System, in dem die Teilnehmer bis zum Ablauf des Entscheidungsprozesses die Freiheit haben, Delegationen zu wechseln wie auch selbst direkt aktiv zu werden, ist es nicht möglich vor Ende des Entscheidungsprozesses die Anzahl der eigenen Delegationen einschätzen zu können. Aus diesem Grunde ist auch die sehr oft zu hörende Kritik, dass Delegationen bei Liquid Democracy vordergründig der Machtkumulation dienen, nicht zuzustimmen. Delegationen wechseln, werden ausgesetzt, der Delegationsempfänger weiß erst am Ende der Abstimmungsphase wie jeder andere auch, wie viel Stimmen er tatsächlich auf sich vereint hat.

Wenn am Ende einer Abstimmung mehrere Teilnehmer mehr Stimmen auf sich vereinigen als andere, dann ist diese Tatsache darauf zurückzuführen, dass andere Teilnehmer Entscheidungen über ihr eigenes Stimmgewicht getroffen haben. Diese Entscheidungen trifft nicht der Delegationsempfänger, er ist quasi der Transporteur des Stimmgewichts anderer, die Entscheidungen werden von den Delegationsgebern getroffen. Ausgehend von der Gleichberechtigung des Systems ist eine delegierte Stimme der direkt aktiven Stimme gleichzusetzen, der direkt aktiven Stimme ein höheres Stimmgewicht zu geben, unterläuft das System der Gleichberechtigung der Teilnehmer.

Zu 10. Delegation als Arbeitsteilung und Möglichkeit der Beteiligung an Entscheidungen 

Diese Art der Delegation bei Liquid Democracy  fördert einerseits die Arbeitsteilung am System, in dem man sich z.B. an den Sachgebieten beteiligt, die für einen selbst von Interesse sind bzw. bei denen man selbst der Ansicht ist, Fachkompetenz zu besitzen oder es einfach sinnvoll fortführen zu können. Für andere Sachgebiete und Sachverhalte, die für einen selbst nicht in vordergründigem Interesse stehen, vergibt man eine Delegation, um sich seinem Thema oder Sachgebiet in der Intensität der jeweils zur Verfügung stehenden Zeit widmen zu können. Gleichzeitig geht durch die Vergabe von Delegationen das eigene Stimmgewicht nicht verloren, wenn der Delegationsempfänger aktiv wird.

Auch hier wirken sich Delegationen wiederum positiv auf diejenigen Teilnehmer aus, die nicht die Zeit und Möglichkeiten haben, die Vielzahl der Sachverhalte und der anstehenden Entscheidungen selbst zu bearbeiten. Ihr Stimmgewicht wird dennoch gezählt, auch wenn sie sich nicht direkt aktiv beteiligen, sondern indirekt über eine Delegation. Arbeitsteilung ist eigentlich ein Begriff, den wir uns aus unserem täglichen Leben nicht wegdenken können, wir vertrauen darauf, dass andere Sachverhalte erledigen oder bearbeiten, für die uns selbst die Zeit, die Fachkenntnis oder schlichtweg auch die Lust fehlt. Dafür erledigen wir selbst Dinge, für die wiederum andere nicht die Zeit, Lust oder Fachkenntnis haben. Trotz dieser Alltäglichkeit fällt es uns schwer, dies für ein demokratisches System zu akzeptieren, obwohl es uns die Möglichkeit gibt, jederzeit die Arbeitsteilung zu ändern, wie auch selbst Sachverhalte zu erledigen.

Liquid Democracy ist die Möglichkeit, direkte Beteiligung zu schaffen, ohne eine Überforderung des Teilnehmers aufgrund der Fülle und der Schwere der Sachverhalte aufzubauen, die letztendlich zu oberflächlichen Entscheidungen führt bzw. die Lust verlieren lässt, sich selbst zu beteiligen. Das letztere ist meistens bei solchen Teilnehmern zu verspüren, die Delegationen weitgehend oder vollständig ablehnend gegenüber stehen. Diese äußern Kritik aufgrund der Fülle der vorhandenen Themen und des Aufwandes, diese zu bearbeiten. Wenn sich die Teilnehmer allerdings darauf verständigen können, nicht alle Sachverhalte selbst zu bearbeiten, sondern Sachgebiete anderen Teilnehmern zu überlassen, die man dann durch das eigene Stimmgewicht unterstützt, ist diese Aufgabe zu bewältigen.

Fazit: 

Im Vergleich zur repräsentativen Demokratie verspricht Liquid Democracy Vorteile für eine höhere direkte Beteiligung von denen, die durch Entscheidungen selbst betroffen sind. Die Voraussetzung für diese Beteiligung ist das Interesse, das kann in unterschiedlichen Stärken vorhanden sein. Es ist jedoch nicht anzunehmen, dass sich mit einem System, dass direkte Beteiligung letztendlich auch alle beteiligen, die eine Berechtigung besitzen. Letztendlich ist es immer die eigene Entscheidung und diese schließt auch ein, ob man sich beteiligen will. Wie jede Entscheidung desjenigen, der ein Stimmgewicht besitzt, ist auch diese zu respektieren.

Wenn man mehr Beteiligung will, muss man die Möglichkeiten und die Relevanz erhöhen. Die Möglichkeiten kann man durch Liquid Democracy erhöhen, über die Relevanz muss die Gesamtheit der jeweiligen Teilnehmer selbst entscheiden, diese Entscheidung kann kein System, eine Software, keine Einzelperson den Teilnehmern abnehmen.

Kann Liquid Democracy die repräsentative Demokratie ersetzen? Das wäre wiederum ein Thema für einen weiteren Blogbeitrag, im nächsten geht es erst einmal um den Vergleich mit der direkten Demokratie und den bisherigen Möglichkeiten.

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4 Gedanken zu “Delegationen Liquid Democracy im Vergleich zur repräsentativen Demokratie

  1. Das ist leider höchst theoretisch und wird von den allermeisten Piraten vermutlich nicht gelesen. (Sonst müsste es ca. 30.000 Hits geben) In der Praxis ist die Delegation die Akkumulation von Macht auf Personen, die sich insbesondere intensiv um solche Delegationen kümmern und z.B. durch direkten Kontakt mit Neupiraten auch aktiv darum werben.

    Die Neupiraten vergessen oft, dass sie die Delegation überhaupt vergeben haben und / oder wissen meist gar nicht, was in ihrem Namen damit gemacht wird. Wird dann die Delegation sogar weiter gegeben, wird das System vollständig ad absurdum geführt.

    M.E. gehen die gut gemeinsten theoretischen Modelle an der Praxis weit vorbei.
    http://jomenschenfreund.blogspot.de/2012/07/liquid-feedback-das-digitale.html
    Außerdem sollte das Ziel von aktiver Demokratie die Beteiligung sein, nicht Delegationen zu erhalten. Deshalb muss das Ziel von Liquid Democracy sein, die Beteiligung durch möglichst geringe Barrieren zu erleichtern, und andererseits die Probleme verständlich zu präsentieren. Beide Ziele werden von LQFB derzeit nicht verfolgt und dadurch auch nicht erreicht. Das ist zumindest meine Meinung.

    Wer wissen will, wie LQFB von Mitgliedern gesehen wird, müsste nicht eine LQFB Umfrage unter den 500 Aktiven machen, sondern eine Umfrage unter 30.000 Mitgliedern und den nicht in LQFB Aktiven. …

    1. Zunächst besteht keine Pflicht zum Lesen meines Blogs, es sind meine Eindrücke, die ich zusammengefasst habe. Ich habe mich nie um eine Delegation gekümmert oder bin darauf angesprochen worden, zu delegieren. Die einzigen Kontaktaufnahmen – auch selten – sind Bitten, Anliegen zu unterstützen. Vielleicht kommt es daher, dass ich ohnehin mich viel mit beiden Systemen auf Bundes- und Landesebene Berlin beschäftige.

      Die pauschale Aussage, Neupiraten würden sich nicht um Delegationen nicht kümmern, kann ich so nicht stehen lassen. Was bedeutet kümmern, kontrollieren? Damit stellt sich die Frage mit welcher Ambition eine Delegation erteilt worden ist, da dies nur der Nutzer selbst weiß, sind Schuldzuweisungen dieser Art überflüssig. Delegationen zu vergeben ist ein Lernprozess, der kann Monate oder Wochen dauern, manchmal auch nur Tage, wenn man direkt aktive Teilnehmer hinreichend kennt oder deren Fachkenntnisse einschätzen kann.

      Die Weitergabe einer Delegation ist nicht absurd, sondern gewollt. Die Gleichberechtigung der Teilnehmer steht an erster Stelle. Das heißt, dass jeder Teilnehmer eine Delegation vergeben kann, wie auch jeder an einen bestimmten Teilnehmer delegieren kann, es existieren keine Begrenzungen, da das System lediglich unsere Verhaltensweisen aus dem sozialen Leben widerspiegelt. So werden Interaktionen und Verbindungen sichtbar, die sonst einfach verborgen sind.

      Es gibt keinen Auftrag, den der Delegationsgeber dem Delegationsempfänger mitteilt – bei Erteilung der Delegation. Es ist eine Vollmacht, daher gibt es keine Forderung an den Delegationsempfänger. Die Verantwortung für die Entscheidung und somit wie das eigene Stimmgewicht gewertet wird, liegt beim Delegationsgeber. Er kann unüberlegt Delegationen vergeben oder sich viele, viele Gedanken machen, er kann Delegationen bis zur letzten Sekunde der Abstimmung durch eigene Handlungen überflüssig machen.

      Wenn man möchte, dass seine Stimme bei einem Sachgebiet in eine ganz bestimmte Richtung gewertet wird, kommt man um die eigene direkte Aktivität nicht herum, ob die nun in der direkt aktiven Abstimmung oder Entwicklung des Themas besteht oder andere Abstimmungen des Delegationsempfängers, Unterstützung von Anregungen zu verfolgen, es ist und bleibt, die Entscheidung des Teilnehmers ob und an wen er eine Delegation = Vollmacht vergibt. Diese Vollmacht kann er nur durch direkt aktives Handeln zurückziehen, unterbleibt dies, verhält er sich in jedem Fall wie der Delegationsempfänger.

      Beteiligung und Hürden. Was bedeutet Beteiligung, wenn man monatlich nur die Zeit hat sich, einem Thema zu widmen, wenn gleich vielleicht acht oder zehn interessante Themen auftauchen. Beteiligung ist Aktivität und eine Delegation zu vergeben ist eine Form von Aktivität, die sich indirekt auf das Thema bzw. auf das Ergebnis auswirkt. Ich weiß nicht, wie oft ich schon geschrieben habe, dass sich mehr Teilnehmer bei der Abstimmung als bei der Entwicklung eines Themas beteiligen.

      Delegation ist eine Möglichkeit, mehr Teilnehmer an einem Thema zu beteiligen, ohne dass diese sich intensiv mit einem Thema beschäftigen. Delegation ist auch eine Möglichkeit, Hürden der Beteiligung, die sich in zeitintensiven Erfassen und Befassen mit Themen ausdrücken, zu umgehen, wie auch geringe Möglichkeiten zum Netzzugang somit intensiv zu nutzen.

      Nach wie vor werden auch in einem Liquid Democracy System Sachverhalte von Teilnehmern erarbeitet, die starkes Interesse am Thema haben, dass ist nicht anders als bei den Möglichkeiten die wir bereits haben. Mit einem Liquid Democracy System kann man eine unterschiedliche Wertung mehrerer Ansichten wahrnehmen, ob dies nun Anregungen sind oder alternative Initiativen, das ist der Zugewinn, Pluralismus. Sich bei der Wertung zu beteiligen, erfordert weniger direkte Aktivität, als den Sachverhalt mit zu gestalten. In welcher Form man sich an der Wertung beteiligt ist wiederum Sache des jeweiligen Teilnehmers. Der Teilnehmer hat das Recht über sein Stimmgewicht, egal was er damit macht.

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