Erinnerungen

Erinnerungen sind trügerisch, die die man vergessen möchte, schleichen sich immer wieder in unseren Verstand, die man bewahren möchte, verblassen mit der Zeit.

Ich renne oft vor meinen Erinnerungen davon, aber sie holen mich immer wieder ein, sie sind unerbittlich. Sie tauchen von einem Moment zum anderen auf und bringen mich aus der Fassung, lassen mich nicht mehr klar denken und in tiefe Emotionen versinken. Dann bin ich in einer anderen Welt, in der Vergangenheit und habe wieder Angst. Angst vor allem, vor Höhe, vor Tiefe, vor Spinnen, vor Menschen, vor freien Plätzen, vor engen Plätzen. Ich will wieder Distanzen aufbauen, mich hinter Mauern verstecken, niemand an mich heran lassen. Aber es ist nur die Erinnerung daran, doch sie ist so wirklich, fast real.

Einerseits will ich mich mit den Erinnerungen auseinandersetzen, sonst beherrschen mich die Ängste wieder, andererseits warum soll ich mich noch weiter quälen. Wie oft habe ich mir gewünscht, alles aus meinem Gedächtnis zu radieren, endlich abzuschließen und unbeschwert leben zu können. Aber die Erinnerungen lassen mich nicht, Dunkelheit, eingeschlossen und die Stunden die vergehen, Angst sich zu bewegen.

Ich glaube noch immer, ich kann den Kampf gewinnen. Soviel habe ich geschafft, ich kann über Brücken gehen, auf Leitern stehen, auf Berge klettern. Wenn Spinnen ihr Netz weben, renne ich nicht mehr davon, berühren muss ich sie nicht. Enge Räume machen mir fast nichts mehr aus, Menschenmengen auf engem Raum auch nicht mehr. Wer nicht selbst einer dieser Ängste hatte, weiß nicht wie sie das eigene Leben bestimmen können, wie schwer es ist, davon loszukommen.

Aber diese eine Angst,  die bleibt, ohne diese zu überwinden, werde ich nie die Ursache besiegen. Ein ewiger, ständiger Kampf mit mir selbst. Eine Wiese mit Bäumen, ein Park mit Blumen sind wunderschön, doch tummeln sich dort Menschengruppen, will ich weg und bin doch wie versteinert, jeder Schritt fällt mir schwer. Weder vor noch zurück. Dann kommt die Panik. Diese letzte Angst habe ich noch nicht geschafft, vielleicht schaffe ich es auch nicht mehr. Mal taucht sie auf, mal lässt sie mich in Ruhe, ich kann es nicht beeinflussen.

Wenn die Erinnerungen mich wieder einholen, brauche ich Distanzen zu allem und jedem. Sie kommen wenn meist nachts, wenn es ruhig ist, der Stress abfällt und eigentlich Entspannung angesagt wäre. Dann hilft mir Licht und Musik hören, bis ich schlafen kann. Schlaf ist es nicht, es sind Alpträume, die Erinnerungen eben, sie lassen nicht los.  Es wird seltener, aber es ist nicht weg und manchmal habe ich das Gefühl, die anderen Ängste holen mich wieder ein. Angst vor der Angst. Ich bin es gewohnt zu kämpfen, ich habe nie etwas anderes gemacht. Ich habe erlebt, dass aus Träumen Wirklichkeit wird, das gibt mir Hoffnung und ein unendliches Glücksgefühl, auf das ich mich zurückziehen kann.

So wie mich die Erinnerungen in die Tiefe ziehen, so schaffe ich es immer wieder, mich von ihnen zu befreien, manchmal reicht ein Schmetterling, manchmal ein Lächeln, oft auch nur über die scheinbare Realität staunen, einfach frühmorgens in Berlin spazieren gehen, noch bevor der Tag beginnt. Ohne zu träumen, hätte ich keine Chance in dieser, meiner Realität.

Die Ängste hatten ihren Auslöser, sie hatten mich lange gefangen, manchmal heute auch noch, aber sie haben aus mir auch diesen Menschen gemacht, der ich heute bin. Ich gebe selten auf, ich versuche Wege zu finden, ich versuche zu verstehen, manchmal flüchte ich mich auch nur in Wissen, das hat mich schon immer getröstet, einfach etwas erkunden. Dann bin ich in einer anderen, der selbst gebastelten Welt, in der alles einfacher war, niemand übersteigerte Erwartungen hatte, niemand mich gehasst hat und …..

Ich bin freiwillig in Museen gegangen, habe viele Bücher gelesen, immer auf der Flucht vor der Realität, Schule war für mich keine Belastung, sondern die Möglichkeit frei zu sein, selbst über mich entscheiden zu können.

Das ist die Vergangenheit, sie ist lange her und doch manchmal ganz nah. Was hat mir geholfen, Menschen zu finden, die mich genommen haben, wie ich bin und mich nicht formen wollten und mich doch verändert haben. Ich war ein verschreckter, schüchterner und sehr leiser Mensch, mit Selbstvertrauen von 1 bis 2 auf einer Skala bis 10. Gefangen in einer Welt, die von Angst bestimmt war, gefangen in einer Welt, in der Freunde nichts bedeutet haben, weil mir eingetrichtert wurde, sie sind unwichtig.

Ich bin im Zwiespalt, ohne diese Ängste, wäre ich heute ein anderer Mensch, ich bin mir nicht sicher ob das besser oder schlechter wäre. Eigentlich glaube ich das nicht, dieses Leben hat mich gelehrt, zu sehen, wo andere noch blind sind, zu fühlen, wo andere kalt bleiben. Das Wissen, wie leicht es ist, sich zu verlieren und nicht mehr wieder zu kommen, lässt mich nie auf Wolke 7 schweben, ich bin immer am Boden, ich kann nicht fliegen wie der Schmetterling, einfach weg und unbeschwert das Leben genießen.

Glück – das habe ich, den einen Menschen getroffen zu haben, der es mit mir aushält und einen weiteren Menschen bekommen, der mir gezeigt hat, es ist möglich, dass man als Kind geliebt wird. Nicht nur so ein Einrichtungsgegenstand ist, der einfach so da ist und der versorgt werden muss. Es gibt dieses Zu Hause, ist es Realität. Für dieses Glück bin ich unendlich dankbar, ich weiß, dass es andere nicht haben, sie verlieren sich und finden nie zu sich. Ich sehe sie manchmal, manchmal habe ich den Mut, mit ihnen zu sprechen, in ihren Augen sehe ich mich. Es ist so leicht, sich zu verlieren….

… Zeit heilt keine Wunden, aber Liebe kann es – jeden Tag ein wenig mehr …

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2 Gedanken zu “Erinnerungen

  1. Ich denke, dass sich einige Menschen in diesen Zeilen selbst erkennen, wenn sie sie lesen oder durch sie erst erkennen, dass Hoffnung helfen kann und die Zeit der Veränderung so vieles zu wandeln in der Lage ist, selbst,wenn man daran nie glauben wollte und manches doch bleibt.
    -O glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!- JWvG

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