Demokratie – was bedeutet dieses Wort für mich?

Vorsicht emotionale Niederschrift, Interpretationen können variieren. 

Ein Teil von uns ist in eine Gesellschaft hinein geboren, in der nicht nur Demokratie, sondern auch Freiheit, insbesondere Meinungsfreiheit so selbstverständlich sind, das wir mitunter vergessen, diese Rechte auszuüben und weiter zu gestalten. Ich bin mir dieser Schwierigkeit bewusst, da ich versuche meinem Sohn zu erklären, dass es auch andere Gesellschaften gab und gibt, die sich entweder nur mit den Begriffen Demokratie schmücken, ohne diese umzusetzen oder für die im Endeffekt Demokratie ein Fremdwort ist. Ich sehe sehr oft Unverständnis in seinem Blick, einerseits sollte es mich freuen, dass all das so selbstverständlich für ihn ist, andererseits ist der Anspruch, ihm zu erklären, dass Demokratie kein Gegenstand ist, sondern von uns allen lebendig gehalten werden muss. Demokratie ist kein Selbstläufer. Wenn wir vergessen, dass wir es sind, jeder einzelne in diesem Land, der sich an ihr beteiligen kann und dem auch dieses Recht zur Verfügung stehen sollte, werden wir uns von dem bestehenden Anspruch einer Demokratie entfernen.

 Demokratie – das bestimmen nicht andere, die Wirkungen der Demokratie bestimmt man zunächst erst mal selbst, in dem Maße, in dem man sich selbst einbringt. Ob man von seinem Wahlrecht Gebrauch macht, ob man sich aktiv in die politische Diskussionen einmischt und auch ob man tatsächlich dann auch ein Stückchen realer Verantwortung übernimmt. Wir haben es als Gesellschaft selbst in der Hand, wie wir unsere Demokratie gestalten, auch wenn wir für Gesetzgebung, Kommunal-, Landes-, Bundes- und Europapolitik Repräsentanten wählen, je weniger Interesse wir insgesamt als Gesellschaft zeigen, je weniger bieten sich Möglichkeiten, die Demokratie zu gestalten.

Patentlösungen gibt es keine, jede Handlung sollte wohlüberlegt sein und deren Auswirkungen, allerdings kann man es mit der Überlegung auch übertreiben. Wenn monate- oder jahrelang über eventuelle Folgen diskutiert wird, stirbt jede Vision. Es geht weniger darum, Hindernisse bereits im Vorfeld aus dem Weg zu räumen, sondern sich über die Interaktionen von Handlungen klar zu werden.

In einem Jahr, in dem verschiedene Völker durch ihre Bestrebungen nach Demokratie, Freiheit und Beteiligung rund um den Globus unsere Aufmerksamkeit fesseln, verwundert es mich umso mehr, dass wir selbst mit diesen Rechten so unbedacht umgehen. Es steht jedem frei, von seinen Rechten Gebrauch zu machen, das stimmt, mir wäre ein mehr bedeutet lieber, als

… lass die mal machen, die wurden ja schließlich gewählt

… mich politisch zu engagieren verträgt sich nicht mit Beruf und/oder Familie

… Meinungsfreiheit heißt vor allem anonym (pseudonym) seine Ansichten zu äußern

… meine Ansicht interessiert eh keinen

… ich bin ja nur ein Rad im Getriebe, habe keinen Einfluss

… ich komme mit meiner Ansicht nicht durch

 

Man könnte das als Abschieben von Verantwortung ansehen, verbunden mit dem Recht, bei Fehlverhalten einen Shitstorm loslassen zu können, so ganz aus der Defensive heraus, weil selbst ändern will man ja nichts. Man könnte, ich tue es nicht.

Wir haben nicht nur das demokratische Recht, sondern meines Erachtens auch die Pflicht, die, die wir wählen, zu kontrollieren.

Solange wir mangelndes Engagement mit den Folgen für Beruf und Familie lediglich begründen, werden wir an der Situation nichts ändern.

Solange man von der letzten Hinterbank eine Ansicht kommuniziert, wird sie nicht das Gewicht haben, wie eine Ansicht, hinter der eine und mehr Personen, möglicherweise auch ganze Gruppen und Organisationen stehen.

Solange man sich selbst klein und unbedeutend hält und sich selbst isoliert, keine Interaktionen sucht, wird man nicht das Gefühl erhalten, dass jedes Rädchen, sei es noch so klein, für die Funktionsweise eines Getriebes eine Bedeutung hat. Abgesehen davon wenn die Masse denkt, sie ist ein kleines unbedeutendes Rädchen, haben die Räder, die ihre Ansichten mit dem Ziel der Änderung vertreten, einen größeren Anteil an der sogenannten Macht. Es hält sie ja nichts auf.

Solange man nicht immer wieder versucht, seine eigenen Ansichten in Diskussionen einzubringen, wird diese nicht zur Kenntnis genommen. Sofern man noch die Eigenschaft hat, Kritik als das aufzunehmen, was sie ist, hat man die Chance, eigene Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Das geht allerdings nur wenn man aktiv kommuniziert. Ebenso kann man logischerweise durch aktive Kommunikation Fehler in der Argumentationskette vermeintlicher Gegner erkennen. Noch besser ist, man versteht sich nicht als Gegner, sondern nur als Verfechter verschiedener Ansichten.

Das ist alles so leicht hingeschrieben, weil wir in unserem Land die Möglichkeit haben, unsere Demokratie aktiv zu gestalten. Für einen Teil von uns war das nicht immer so, ich gehöre dazu und es fällt mir schwer, dem anderen Teil verständlich zu machen, das Demokratie so viel für mich bedeutet, aktiv an der politischen Willensbildung teilnehmen zu können, mit eigenen Ansichten durchzukommen wie auch kläglich zu scheitern.

  • Wie soll ich erklären, dass es bereits eine Leistung war, eine Wahlkabine zu betreten, um tatsächlich das Recht auf geheime Wahl auszuüben.
  • Wie soll ich erklären, dass jede Wahl eigentlich nur ein Hohn war?
  • Wie soll ich erklären, dass alles in Jahren vorbestimmt war, dass kurzfristige Entscheidungen unerwünscht waren, aber gleichzeitig ein ganzes Land ohne Improvisation nicht ausgekommen ist.
  • Wie soll ich es erklären, dass Eltern und Angehörige einem immer eingeimpft haben, ja nicht zu viel von seinen Gedanken zu erzählen. Wie soll ich dieses Misstrauen gegen jeden und alles erklären? Wie soll ich erklären, dass man irgendwann nicht einmal mehr Freunden bedingungslos vertraut hat, Verwandten auch nicht.
  • Wie soll ich erklären, dass thematische Fragen in der Schule den Weg bis in die Verwaltungen gemacht haben und Eltern gefragt wurden, woher das Kind diese Ansichten hat.
  • Wie soll ich erklären, dass man gefragt wurde, warum man nachdenkt und nicht einfach die vorgefertigten Antworten akzeptiert.
  • Wie soll ich erklären, dass Wissen beschränkt war, nicht nur finanziell, sondern einfach nicht verfügbar war. Jeder Weg zu Wissen nicht nur Hindernisse, sondern unüberwindliche Hürden in Gestalt von Parteimitgliedschaft, Verpflichtung zum Armeedienst und anderen Diensten hatte?
  • Wie soll ich erklären, dass man lieber das Rad viermal erfunden hat, als auf vorhandenes Wissen zurückzugreifen und dieses zu nutzen?
  • Wie soll ich erklären, dass so viele einfach nur den Alltag gelebt haben und für viele jeder Widerspruch mit dem System innerlich bereits gestorben war.
  • Wie soll ich erklären, dass andere wiederum jede Kritik am System als Verrat  angesehen haben und in Ausübung ihres Pflichtbewusstsein diese Information gestreut haben, ohne sich über die Folgen Gedanken zu machen.
  • Wie soll ich diese Wirkungsweise erklären, die sich aus der ständigen Betreuung, Überwachung und vermeintlichen Hilfeleistung durch den Staat gegenüber den Bürgern ergeben hat.
  • Wie soll ich erklären, dass man solange mit dem System Erfolg hatte, ich weiß nicht, wie wir das geschafft haben, aber irgendwann wurde diese Revolution 1989 zum Selbstläufer.
  • Wenn ich das alles verständlich erklären könnte, könnte man vielleicht verstehen, dass mir Demokratie, Freiheit und Meinungsfreiheit mehr bedeuten, als eine finanzielle Absicherung, selbst mehr als familiäre Bindungen. Vielleicht kann man einen Teil verstehen, wenn man das Buch 1984 von George Orwell gelesen hat. Vielleicht, das ist eine Geschichte, die Realität ist immer anders.

Wie sollen sie uns die, die unter Einsatz ihres Lebens auf der Straße für Demokratie und Freiheit in anderen Ländern kämpfen,  begreiflich machen, dass das nicht nur ein Spiel ist, Demokratie keineswegs selbstverständlich ist.

Wenn wir diese ganzen Berichte sehen, wenn wir informiert werden, ist jedem bewusst, das ist die blanke Realität. Während wir es uns unter dem Weihnachtsbaum gemütlich gemacht haben, sind andere geprügelt worden, verschleppt und auch umgebracht worden. Es ist keine virtuelle Welt, es ist die reale und wir können nur bedingt Einfluss nehmen, keine Strategie eines Rollenspiels wird weiterhelfen. Wir sind zum Zusehen verdammt.

Ich glaub nicht, dass wir in unserem Land alle Probleme auf dieser Welt lösen können, aber wir können sie wahrnehmen, uns für Lösungen einsetzen und das beginnt damit, sich einzumischen. Es ist uns nicht egal, was in Syrien, Libyen, Ägypten, Russland, Nordkorea, China etc. pp. passiert. Wann begreifen wir eigentlich vor allem, dass wir auch für das Schicksal dieser Länder einen Teil der Verantwortung tragen?

Nur wenn wir was ändern wollen, müssen wir uns selbst einbringen und wenn es so einfache Handlungen sind

wie von unseren Rechten Gebrauch zu machen

  • öffentlich unsere Ansicht zu äußern
  • uns hinter den Anliegen anderer zu stellen
  • uns an Demonstrationen zu beteiligen
  • Hilfsaufrufe nicht ungehört verstreichen zu lassen
  • sich Organisationen anzuschließen oder diese finanziell zu unterstützen.

Ja, ich wünschte mir, man würde jeden Tag mit offenen Augen durchs Leben gehen und versuchen, zu sehen was man selbst ändern kann, wo man sich selbst einbringen kann. Mich treibt dieser Idealismus und der Wunsch, einen Teil meiner Visionen gern noch zu Lebzeiten umgesetzt zu sehen.

Nehmt euch nichts fürs Neue Jahr vor, macht es einfach, steht zur Verantwortung, die jeder einzelne von uns hat. Es wird sich von allein nichts ändern, dafür braucht es Aktivität und diese sollte man nicht werten und bewerten, es zählt einfach alles, jeder noch so kleine Beitrag kann Mauern zum Einstürzen bringen…

 

 

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2 Gedanken zu “Demokratie – was bedeutet dieses Wort für mich?

  1. ja demokratie währe ja toll nur gibt es in deutschland so einige politiker die damit nichts anfangen können das sieht man am rauchverbot das ist diktatur es heist in der demokratie gleiche rechte für alle wo ist das also nicht blenden lassen soetwas gibt es nicht wirklich wenn manche in der regierung machen können was sie wollen und niemand kümmert es

  2. Liebe Moni,

    danke für diesen tollen Post.
    Nein – er ist nicht zu emotional – es ist einfach die Realität.

    Ich versuche aus meiner (westdeutschen) Sicht heraus seit 1990 meinen (westdeutschen) Freunden und Bekannten verständlich zu machen, was 1989 und davor in der DDR geschehen ist.

    Ich habe nur wenige persönliche Quellen dafür – und dennoch reichten die aus, mir ansatzweise verständlich zu machen, was passiert ist. Nur die Vermittlung an diejenigen, die eben noch nicht einmal diese Erfahrungen gemacht haben, ist eine Sisyphos-Arbeit.

    Ich habe im Sommer und Herbst 1990 – die Zeit um die Vereinigung herum – mit einem Freund in Ostberlin verbracht, der mir sehr viel vermittelt hat, was vor dem 9. November vorging und wie er die übereilte Vereinigung der Länder gesehen hat.

    Ich habe später in einer langjährigen Beziehung zu meinem aus Thüringen stammenden Freund von ihm und seinen Freundinnen und Freunden einiges erfahren über das Aufwachsen in der DDR in den 70er und 80er Jahren.

    Diese Erfahrungen zu teilen – sowohl mit Freunden, die zu dieser Zeit in Westdeutschland gelebt haben, wie auch später sogar mit Freunden, die zwar noch in der DDR geboren wurden, aber die Zeit nicht mehr bewusst erlebt haben und deren Eltern bzw. Großeltern die Zeit verdrängen oder gar negieren – ist nahezu immer zu Scheitern verurteilt gewesen.

    Auch heute noch erkenne ich bei Gesprächen mit in der DDR sozialisierten Kollegen die Verhaltensmuster, die Du oben beschreibst. Probleme mit Vorgesetzten z.B. werden – wenn überhaupt – nur mit engsten Kollegen und dann teilweise auch recht deutlich formuliert. Wenn es aber darum geht, diese auch mal gemeinsam mit vereinter Stimme dem Vorgesetzten gegenüber zu thematisieren, wird ein Rückzieher gemacht nach dem Motto: das bringt doch sowieso nichts.

    Ich wünsche Dir – und uns – viel Energie bei den Wünschen, die Du am Ende deines Posts formuliert hast – und lass uns versuchen, diejenigen, die Rückzieher machen, mitzunehmen.

    Auf ein erfolgreiches ZwanzigZwölf,

    Etienne.

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