Vergessen – Der Rechtsextremismus hat die empörte Gesellschaft überrascht.

Rechtsextremismus – auf einmal Tagesthema in Presse, Medien, Politik und Gesellschaft. Es ist fast so, als wäre die Realität über die Mehrheit in diesem Land überraschend eingebrochen. Wie lange hält es an, wie schnell wird es wieder vergessen. Vergessen wird in diesem Land langsam gesellschaftsfähig. Aber warum nun dieser Umschwung? Nicht etwa wegen den Toten, Verletzten, Bedrohten durch den Rechtsextremismus, auf die immer wieder von engagierten Organisationen und einzelnen Personen verwiesen. Nein – weil die Täter sich umgebracht haben, ihre Schuld für Taten ans Licht kommt, ist nun der Rechtsextremismus überall Gesprächsstoff.  Die Gesellschaft fühlt sich bedroht und reagiert mit Empörung.

Wenn interessieren schon die Opfer, sie sind Tagesmeldungen wert, dann folgt kurz die Empörung und auch Beileid mit Angehörigen sowie Mitleid mit den Opfern. Aber dann wieder – Vergessen. Wir sind da einfach so gut drin, Sachen die in unser Weltbild einer Gesellschaft, die für andere Vorbild sein soll, zu ignorieren. Die Opfer sind auch noch nach Wochen der Tat Opfer, nur dann auf sich gestellt, das Interesse der mitfühlenden Gesellschaft verschwindet so schnell, wie es aufgetaucht ist. Manchmal dann nach einem Jahr oder länger eine Story, ein Gespräch in einer Talkrunde, wie man mit der Situation umgegangen ist. Die Gesellschaft zeigt kurz wieder Interesse. Es wird versucht, im Sinne dessen, dass die Gesellschaft mit dieser Situation umgehen kann, zwischen Täter und Opfer zu vermitteln. Inszenierung? Schlechtes Gewissen? Wenn diese Gesellschaft wenigstens dieses schlechte Gewissen hätte, nein es ist einfach Ignoranz. Das betrifft nicht mich, das sind Probleme der anderen, ich würde ja so etwas nicht tun und daher – vergessen. Es geht mich nichts an.

Die Presse wird nicht müde nachzufragen, warum diese Dimension vorher niemand aus der Politik erkannt hat. Diesen Sachverhalt  zu beleuchten, wäre in der Tat interessant. Die Presse und die Medien müssen sich auch fragen lassen, warum sie da mitgemacht haben, bei der Ignoranz des Rechtsextremismus in der vorhandenen Dimension. Auch in Presse- und Medienberichten wurden die Fälle zu Einzelfällen klassifiziert, auf Orte bezogen. Weit weg, nicht bei uns, betrifft mich nicht – sollen die sich mal darum kümmern und regelmäßig wurden Verantwortliche kritisiert und – Vergessen. Die kritische Presse die den Rechtsextremismus als gesellschaftliches Problem gesehen hat, ist nicht gerade ins Auge gefallen. Manchmal wurde aus der Empörung Aktivismus, in dem Aktionen zum Gedenken organisiert und zu Demonstrationen aufgerufen wurde. Das ist auch positiv zu vermerken, nur dann ging es wieder nicht weiter – Alltag und wieder – vergessen. Vielleicht ist diese Gesellschaft auch nur hilflos und sieht zu, wie sie langsam selbst zerstört.

Dazu kommt, die Relativierung – sie ist das große graue Tuch, dass unsere Gesellschaft über alles spannt, was sie nicht wahrhaben will, womit sich andere beschäftigen sollen, worin sie sich selbst nicht in der Schuld sieht. Da werden schnell einzelne Gruppen und Personen als Verantwortliche benannt und das Leben geht weiter – betrifft uns nicht. Es wird in der Form relativiert, dass es sich um örtliche begrenzte rechtsextreme Aktivitäten handelt (bei uns doch nicht) – es wird relativiert, dass man ja nichts über die Hintergründe weiß (vielleicht die eigene „Mafia“ beteiligt) – es wird relativiert, dass man teilweise die Opfer Mitschuld tragen (na ja die haben auch provoziert oder hätten den Rechtsextremen aus dem Weg gehen können). Es wird weiter relativiert, die Täter kommen aus zerrütteten Elternhäusern, es wird relativiert, die Täter hatten keine Aussicht auf eine Berufslaufbahn. Es wird relativiert und wenn nicht relativiert wird, dann wird vergessen und ignoriert, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Wir sind nicht schuld als Gesellschaft.  Ich empfinde das als verlogen, uns sehe in unserem Land keine aufgeklärte Gesellschaft.

Allein beim Punkt „örtlich begrenzt“ könnte die folgende Aufzählung zum Nachdenken anregen. Jeder sollte sich sein Urteil bilden, über die Formulierung, das betrifft uns nicht, das sind andere. Die Orte habe ich dieser Liste http://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/news/chronik-der-gewalt/todesopfer-rechtsextremer-und-rassistischer-gewalt-seit-1990 des Portals von Mut gegen Rechts entnommen, sie sprechen ein anderes Bild :

 

Berlin – Lübbenau – Eberswalde – Berlin – Hachenburg – Flensburg – Rosdorf – Dresden – Gifhorn – Friedrichshafen – Saarlouis – Hohenselchow – Meuro – Gransee – Lampertheim – Saal – Buxtehude – Flensburg – Hörstel – Berlin – Mageburg – Neuruppin – Ostfildern-Kemnat – Bad Breisig – Stotternheim – Koblenz – Berlin – Geierswalde – Lehnin – Wuppertal – Wülfrath – Berlin – Mölln – Siegen – Oranienburg – Meerbusch – Arnstadt – Schlotheim – Hoyerswerda – Mülheim/Ruhr – Uelzen – Obhausen – Belzig – Waldeck – Solingen – Fürstenwalde – Marl – Strausberg – Buchholz (Nds) – Darmstadt – Quedlinburg – Leipzig – Berlin – Velten – Rotenburg/Fulda – Zittau – Velbert – Hohenstein/Ernstthal – Altena – Amberg – Lübeck – Bergisch Gladbach – Brandenburg/Havel – Dorsten-Rhade – Leipzig – Wolgast – Eppingen – Eisenhüttenstadt – Leipzig – Fredersdorf – Magdeburg – Caputh – Roseburg – Berlin – Sassnitz – Königs-Wusterhausen – Cottbus – Angermünde – Cottbus – Bochum – Saalfeld – Leipzig – Guben – Duisburg – Eschede – Kolbermoor – Hohenstein-Ernsthal – Berlin – Bad Reichenhall – Halle – Weißwasser – Halberstadt – Berlin – Eberswalde – Dessau – Dortmund – Waltrop – Greifswald – Wismar – Ahlbeck – Schlüchtern – Schleswig – Greifswald – Milzau – Grimmen – Jarmen – Nürnberg – Hamburg – Wittenberge – Dahlewitz – Fulda – München – Bräunlingen – Berlin – Wittstock – Neubrandenburg – Neu Mahlisch – Potzlow – Sulzbach – Erfurt – Naumburg – Frankfurt/Oder – Riesa – Lüneburg – Overath – Kandel – Heidenheim – Gera/Bieblach – Burg – Rostock – Dessau – Dortmund – Essen – Nürnberg – München – Bad Buchau – Plattling – Dortmund – Kassel – Wismar – Heilbronn – Brinjahe – Memmingen – Templin – Leipzig – Dessau – Magdeburg – Dresden – Hemer – Leipzig – Oschatz.

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Dunkelziffer ist hoch, es wird längst nicht alles verfolgt und angezeigt. Rechtsextremismus – ist  nicht nur einen Ort, ein Landstrich, ein Bundesland, nicht nur Ost, nicht nur West. ES IST UNSER PROBLEM, WIR SIND DIE GESELLSCHAFT – ES BETRIFFT UNS ALLE. Wir lassen es zu, dass Menschen, die sich nicht anpassen bzw. durch ihr Aussehen auffällig sind, anderen Völkern, Kulturen oder Religionen angehören diskriminiert werden. Wir lassen es zu, dass man uns als Gesellschaft Schuldige präsentiert und die dann auch bereitwillig zur Verantwortung gezogen werden. Die Empörten sind beruhigt, die, die sich  ständig sich gegen Rechtextremismus wehren, stehen wieder allein da.

Es reicht anders zu sein, um ein Opfer zu werden, ob nun aus einem anderen Land, ein anderes Aussehen, ein anderes Lebensmodell oder obdachlos, die Hemmschwelle jemanden, der fremd und anders ist, anders zu behandeln, ihm oder ihr mit Vorbehalten und Misstrauen zu begegnen ist nicht gerade hoch. Das fängt bereits an, wenn man sich selbst über Kleidung, Aussehen und Verhalten anderer aufregt, da diese sich nicht anpassen. Jede Form von Diskriminierung nährt den Boden für Rechtsextremismus. Ist das der Gesellschaft bewusst?

Es ist eine Zeit der Erklärungen, Politiker erklären Betroffenheit und versprechen Aufklärung, man möchte ihnen glauben, dass sie betroffen sind, die Aufklärung nein, weil in jedem Fall nur die Wirkungen aufgeklärt werden und die Ursachen weiter verdrängt. Manchmal kann ich die Verlogenheit dieser Gesellschaft nicht ertragen, die sich empört, als ob des Rechtsextremismus, der unser ständiger Begleiter ist, nun auf einmal aufgetaucht ist. Man ist nicht gänzlich empört, wenn sich ehemalige Politiker wie Sarrazin erdreistet die Grundlage für eine neue Welle des Fremdenhass zu säen. Das sind Thesen, die diskutiert werden und zum Schluss bleibt, na so ganz unrecht kann er ja nicht haben. Man ist dann wohl selbst schuld

 

  • an miesen Wohnbedingungen, man bedenke die abgeschottete Unterbringung in Heimen, die viele Asylbewerber ertragen müssen oder auch die Obdachlosenheime, die gerade in den kalten Monaten die Bedürftigen nicht fassen können.
  • an mangelnden kostenfreien Bildungsmöglichkeiten in der Muttersprache? Mit dem Anspruch Deutsch lernen zu müssen, um an Bildungsmöglichkeiten teilnehmen zu können, beginnt die Ausgrenzung.
  • an wirtschaftlichen Schwierigkeiten, weil die Gesellschaft immer noch an das Märchen von der Vollbeschäftigung aller glaubt und wer ohne Job ist – oftmals als faul, arbeitsscheu oder asozial gilt
  • an krankheitsbedingtem Verhalten, weil diese Gesellschaft immer noch der Meinung ist, zwischen gesellschaftlich akzeptablem Verhalten und unakzeptablen Verhalten unterscheiden zu müssen
  • an ihrer Herkunft, was sind sie auch in einem anderen Land geboren, warum gehören sie auch einer anderen Kultur an.

 

Zusammengefasst ist es die mangelnde Akzeptanz und der Respekt vor dem Anderssein. Das ist kein Fehler, jeder ist einzigartig und daher ist jeder anders. Aber wer sich nicht in Gruppen eingliedern lässt, sich nicht anpassen will an das äußere gesellschaftliche Bild, der wird als fremd, anders empfunden und es folgt Misstrauen. Auf diese Grundlage von Misstrauen und mangelnder Akzeptanz fallen dann Thesen, dass es Leitkulturen geben müsse, sich alle an Regeln halten müssen, alle sich in eine homogene Gesellschaft einfügen müssen. Alles Standard, jeder hat seine Aufgabe, jeder hat seinen Platz – alles ist in Ordnung?

Auf diesem Nährboden hat sich schon längst die zweite Generation gebildet, der Rechtspopulismus, der von Vereinigungen bundesweit an den Mann und die Frau gebracht wird, ob sie nun proDeutschland oder Die Freiheit etc. heißen, jede Politik, die es zum Ziel hat, anderen nicht die gleichen Rechte zukommen zu lassen, wird den Boden für NPD und ihre Gefolgsleute, ähnliche Vereinigungen weiter nähren.

Ja auch die Regierenden im Bund, Land, Stadt und Gemeinden sind nicht unschuldig an der Situation. Sie nutzen die Ängste ihrer Bürger zum Stimmenfang, statt die Aufklärung weiter zu betreiben. Es mag sein, dass es länger dauert, mit Aufklärung die Angst vor dem Anderssein zu nehmen, als eine Stimme mit einer gewünschten Aussage zu fangen, aber das Ergebnis ist im ersten Fall nachhaltiger. Nur interessiert das eigentlich nie, im Wahlkampf eh nicht und später sind dann die wirtschaftlichen Probleme oder die Probleme anderer Staaten wichtiger als unsere eigenen. So lange man ablenken kann, so lange wird abgelenkt, die Lösung wäre der Wählerschaft zu sagen, wir können Rahmenbedingungen schaffen, aber wenn ihr euch nicht insgesamt ändert, wird sich nichts ändern. Aber wer hat schon den Mut für diese Aussage. Schnell ist man wieder bei der Relativierung, macht Verhalten an Gruppen fest und hat die Chance wieder verpasst.

Wir ignorieren weiter –  sollte es zu einem NPD-Verbot kommen, ist damit der Rechtsextremismus nicht verschwunden, aber man hat was getan, was gesagt, sich für was angesetzt. Wenn interessiert schon, ob die Ursache beseitigt ist. Er sitzt in den Köpfen und wird unterstützt von Rechtspopulismus, die nächsten Organisationen bauen sich bereits auf, die Lücke der NPD wird eine andere Organisation füllen. Solange es uns nicht gelingt, statt die Wirkungen auch die Ursachen zu beachten. Die Ursache ist die Gesamtheit der Gesellschaft, der es schon im Alltag nicht gelingt, Anderssein zu akzeptieren. Dazu kommt die Angst, die eigene Meinung offen zu vertreten, die wiederum dadurch begründet ist, dass zu viele wegsehen, Interesselosigkeit allerorts.

Ein weiterer Sachverhalt der zu einem Nährboden mit wirren Thesen beiträgt ist, dass man es auch nach fast 80 Jahren immer noch versucht, Erklärungen für das Verhalten der Deutschen im Dritten Reich zu finden. Es gibt keine, es wurden Verbrechen gegen die Menschlichkeit in einem Ausmaße begangen, dass man schlichtweg nicht begreifen kann oder will. Jede Erklärung, wie es dazu kam, wer die Schuld dafür tragen könnte, ist mit Relativierung verbunden. Die Relativierung führt bereits dazu, dass geschichtliche Zeugnisse hinterfragt werden und wir als Gesellschaft lassen es zu. Wir lassen zu, dass sich Opfer rechtfertigen müssen, weil wir Erklärungen für die Täter finden wollen. Wir sollten aus der Vergangenheit lernen und uns alle dafür einsetzen, dass dieses Gedankengut nicht wieder Fuß fassen kann, weder in unserem Land, noch in Europa, noch in der Welt. Das ist kein einfaches Ziel, aber wir könnten mal anfangen.

Wir haben alle die Verantwortung, in unserem täglichen Alltag, ob wir nun unseren Kindern Toleranz vermitteln, diese selbst alltäglich anwenden oder offen dafür eintreten, zu einer wirklich toleranten Gesellschaft zu finden und das Engagement anderer zu unterstützen.

Ich gehe nicht davon aus, dass wieder mehr als Lippenbekenntnisse daraus erwachsen, das Vergessen und die Ignoranz nicht wieder einsetzt, man sich neben den Wirkungen auch endlich gesamtgesellschaftlich auf die Ursachen konzentriert – Die Gesellschaft bleibt weiter auf dem rechten Auge blind – > Ich hätte sehr gern Unrecht.

Ich würde gerne in einer Gesellschaft leben, die sich sozial gegenseitig unterstützt, die jeden einfach so akzeptiert und respektiert, wie man ist und die nicht alles und jeden eingruppieren und in Schubladen ordnungsgemäß sortieren will. Wie wäre es damit, Schwache ohne zu reglementieren, zu unterstützen weil sie Teil dieser Gesellschaft sind. Es gibt viel was ich gern hätte, es sind Visionen, bei denen ich oft als naiv belächelt werde. Ja ich bin so naiv, dass ich denke, dass man einfach so zusammenleben kann und jedem sein Glück gönnt und im Unglück zur Seite steht. Kann man auf so einfache Positionen eine  Gesellschaft aufbauen, vielleicht schon, es wird nicht einfach werden, aber der Versuch wäre es wert.

Zumindest werde ich die Hoffnung nicht aufgeben, aber ich werde mich auch nicht instrumentalisieren lassen, nun auf einmal empört zu sein, dass der Rechtsextremismus wirklich tatsächlich existiert und eine Bedrohung der Gesellschaft ist. Das weiß ich schon länger.

 

 

 

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